Auf das Evangelium zurückbesinnen!

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Publik-Forum Leserkreis Berlin

Der Publik-Forum-Leserkreis Berlin hat sich eingehend mit der Sozialinitiative befasst und eine gemeinsame Erklärung sowie individuelle Stellungnahmen verfasst.

Das schon auf dem Ökumenischen Kirchentag 2010 in München unter dem Titel "Fair teilen statt sozial spalten" angemahnte neue Sozialwort der Kirchen wurde nun als "Initiative für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung" herausgegeben.

Der Begriff  "Initiative" suggeriert Entschlossenheit, Missstände zumindest zu benennen, sie zu kritisieren und ihnen entgegenzutreten. Im Zusammenhang mit christlichen Kirchen bietet sich eine dezidiert christliche Auseinandersetzung mit den entsprechenden Problemen an. Wenn sich die christlichen Kirchen zu Wort melden, kann es doch nur um eine in der prophetischen Tradition des Jesus von Nazareth und seiner Vorgänger verkündete Lehre gehen. Was wurde dort angemahnt? Was ist der Kern der Lehre Jesu? Es geht eindeutig um Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe.

Es ist absolut ärgerlich, wenn in der o.g. Verlautbarung lang und breit die augenblickliche finanzpolitische Situation erörtert wird, als seien Christen verpflichtet, der dargelegten Version zu folgen. Zaghaft werden kritische Töne angeschlagen und konzidiert, dass "die positive Bedeutung sozialstaatlicher  Instrumente zur Krisenbewältigung wieder ins Bewusstsein geraten (ist)." (S9).

Im Grunde ist fällig, Fehlentwicklungen aufzuzeigen!

Der kontinuierliche Abbau sozialer Standards, die zunehmende Entmenschlichung der Lebensverhältnisse weltweit, die Reduzierung auf ökonomisches Funktionieren in allen Bereichen haben mit Nächstenliebe und Menschenwürde nichts mehr zu tun. Freiheit und Gemeinwohl werden in der Politik gegeneinander ausgespielt. Das wird im Text zwar indirekt vorausgesetzt, aber nicht in der Fragwürdigkeit benannt.

Es besteht die Gefahr der Verknechtung

Jesus verkündete das Reich Gottes. Es bedeutet eine neue menschenwürdige Umgangsweise der Menschen untereinander, wie er es selbst praktizierte. Das verstanden die Oberen damals nicht – und heute? Wohin soll die menschliche Entwicklung gehen? Zum "homo oeconomicus", der nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten agiert und  die ökonomisch nicht Leistungsfähigen ihrem Schicksal überlässt bzw. ausbeutet? Soll das Privatisieren, das heißt das Rauben vom öffentlichen Gut der Gesellschaft, das Normale sein, so dass die Bedürfnisse der Bevölkerung als Kostenfaktoren allmählich ganz gestrichen werden?

Der Satz (S.13) "Die von guten Vernunftgründen gestützte biblische Option für die Armen….." - dann zwar als "Keim zur Heilung" bezeichnet - impliziert schon in seiner Formulierung die unsichere Überzeugung. Die gesamte biblische Botschaft jedoch kreist um dieses Anliegen, angefangen von der Herausführung aus der Knechtschaft in Ägypten. Die Menschheit lechzt nach der Befreiung. Diese Befreiung kann man getrost sowohl wörtlich in Bezug auf einengende bedrückende Verhältnisse als auch im übertragenen Sinn als Befreiung aus der Knechtschaft des brutalen Eigennutzes hin zu sozialem solidarischem Verhalten sehen. Im Augenblick ist die Gesellschaft zunehmend in der Gefahr der Verknechtung, sowohl aktiv als auch passiv.

Zaghaft werden im Papier Korrekturmaßnahmen angemahnt, aber alles in allem atmet es die Luft der Anpassung an die gegenwärtigen politischen Prämissen. Diese Anpassung ist typisch für die beiden großen Kirchen in ihren letzten Papieren (seit dem gemeinsamen Sozialwort von 1997, das wesentlich prägnanter war.). In der katholischen Kirche gab es immerhin schon früh Sozialenzykliken und jetzt die deutliche Sprache des Papstes. Er ruft zur Rückbesinnung auf das Evangelium auf. Das ist auch bitter nötig!