In der Verantwortung vor Gott und den Menschen

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Rene Schlesinger

Rene Schlesinger (68) ist Diplom-Ökonom und Rentner.

Die Sozialinitiative der beiden großen deutschen Kirchen gibt in ihrem Umfang eine Darstellung der gegenwärtigen Situation in unserer Gesellschaft wider. Nicht so sehr eine Agenda für die Zukunft wird hier vorgelegt, als vielmehr ein Aufzeigen der Probleme in der Jetzt-Situation.

Die Sozialinitiative konstatiert unsere soziale Marktwirtschaft als richtiges System der optimalen Faktor- und Ressourcen-Allokation mit sozialem Ausgleich, wobei von einem Auseinanderlaufen der Einkommensentwicklung ausgegangen wird.

Dazu gilt, dass der Gini-Koeffizient sich in den letzten 20 bis 30 Jahren unmerklich verändert hat (s. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2013/14), was auf eine Konstanz in der Einkommensverteilung hinweist und ein weiteres Auseinanderdriften der Einkommensklassen nicht gegeben ist.

Bei der Einkommensverteilung ist zu bemerken, dass die oberen 10% der Einkommensbezieher für 50% des gesamten Steueraufkommens gelten. Der Maxime des Dienens des Geldes, nicht als Selbstzweck, ist zuzustimmen, wobei bei der Gewinndiskussion darauf zu achten ist, dass ein optimaler Gewinn als erstrebenswert angesetzt werden muss.

Die soziale Marktwirtschaft befördert die Verantwortlichkeit der gesellschaftlichen Gruppen und Individuen, wobei auf eine nachhaltige Finanzpolitik mit einem anzustrebenden Haushaltsausgleich hinzuwirken ist.

Es ergibt sich mit der sozialen Marktwirtschaft eine Tendenz der Integration und auch der Solidarität der Generationen, die durch die Einführung der sozialen Absicherung (Rente u.a.) durch Bismarck in Frage gestellt wird. Die soziale Marktwirtschaft bewirkt eine Verkürzung der Wohlstandsschlange umso mehr, je mehr gegen Korruption vorgegangen wird.

Ebenso reguliert die soziale Marktwirtschaft in bestimmter Weise  die im Menschen verankerte Masslosigkeit und unstillbare Gier für immer noch Mehr.

Risiko/Nutzen-Abwägungen bedingen eine Verantwortungsstruktur untereinander und dehnen sich auf die internationale Zusammenarbeit aus.

Transparenz, Verteilungsgerechtigkeit und die Frage nach dem Mindeslohn

Die Staatsfinanzen waren/sind durch die Wiedervereinigung einer Belastungsprobe ausgesetzt und konnten gemeistert werden. Bei den Generationenschulden ist immer zu beachten, dass jetzige Verschuldung der zukünftigen Generation schon heute nutzt. Trotzdem ist eine Ausgestaltung der Schuldenbremse sinnvoll.

Transparenz und Informationspolitik sollten sich ergänzen, wobei eine vermehrte Bekämpfung der Steuerflucht stattfinden sollte, auch indem an die steuerliche Bürgerpflicht gemahnt wird.

Besonders der Nachhaltigkeit fühlt sich der christliche Glaube verpflichtet, um dem Klimawandel Paroli bieten zu können. Dieses Nachhaltigkeitskonzept ist Voraussetzung für die Beherrschung der Sozial- und Gesundheitskosten, sowie der Armutsbekämpfung (weltweit).

Es ist unabdingbar, dass durch den demographischen Wandel eine Erweiterung der gesetzlichen Rente um eine kapitalgedeckte Säule zu ergänzen und die Lebensarbeitszeit (bis jetzt) auf das 67.Lebensjahr auszudehnen ist und dennoch eine Flexibilisierung der Beschäftigung herbeizuführen ist.

Einer drohenden Altersarmut kann wirksam entgegengetreten werden, wenn auch Kindererziehungszeiten und Pflegeleistungen für Angehörige berücksichtigt werden. Einer sozialen Ungleichheit in Deutschland ist mit weiteren Maßnahmen zu begegnen, die durch die Begriffe Inklusion und Partizipation abgedeckt werden.

Soweit mit geeigneten Maßnahmen Verteilungsgerechtigkeit(?) angestrebt wird, sollte man sich der gegenwärtigen Verteilungssituation voll bewusst sein (s.o. Gini-Koeffizient).

Bedrohungen des zukünftigen Wohlstandsniveaus ergeben sich aus dem Fachkräftemangel und bedürfen unterstützender Maßnahmen zur Integrationsförderung für Migranten, wobei die Forderung nach Solidarität, in der Voraussetzung der Subsidiarität, und Eigeninitiative gefördert werden sollten.

Erwerbsarbeit bedeutet Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, ein Mangel Ausschluss, weshalb die Maßnahmen der Agenda 2010 und die Rekursion auf das deutsche System der Sozialpartnerbeziehungen sich förderlich auf die Beschäftigungslage auswirken.

Langzeitarbeitslosigkeit konnte im Trend gestoppt werden, auch durch Ausbau des Niedriglohnbereichs, der die Chance eines Wechsels in Festanstellung gibt und damit Prekariat vermindert. Die Auswirkungen eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohnes sind unbestimmt; erwartet wird eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit in den niedrig produktiven Wirtschaftszweigen, besonders in Ostdeutschland. (Lohnabmachungen sollten immer Vereinbarungen der Tarifpartner (Gewerkschaften-Unternehmer) auf privatwirtschaftlicher Basis sein.)

Ziel ist eine solidarische und gerechte Gesellschaft

Zukunft und Fortschritt eines Landes hängen maßgeblich von Bildung und Qualifizierung seiner Erwerbsbevölkerung ab. Deshalb ergibt sich die Forderung nach frühzeitiger Bildung/Erziehung mit danach eingeprägtem lebenslangem Lernen, was die berufliche, wie persönliche Weiterbildung einschließt. Diese Ziele sind in einer Easy-Going-Gesellschaft nicht leicht vermittelbar, außer man erweckt im Lernen den Spaßfaktor. Es kommt dabei darauf an, einen modernen Bildungsbürger mit IT- und Medienkompetenz herauszubilden und sich weiterentwickeln zu lassen.

Ein weiteres Ziel ist Bildung und Vervollkommnung der europäischen Verantwortungs- und Solidargesellschaft. Wie im internen Bereich gelten auch übergreifend Solidarität und Subsidiarität als ergänzende Prinzipien, die dann in den gegebenen Maßnahmen der Stabilisierung und Unterstützung (ESM) prekärer Staaten mündet.

Europa als Gemeinschaft bedeutet Frieden in diesem Gebiet, der sich auf die weitere Welt positiv auswirkt. Aus christlicher Sicht ist der (mit) reichste Kontinent der Welt aus seiner Verpflichtung bestimmt, das Armutsproblem in der Welt zu bekämpfen; die Potenz dazu liegt in der wirtschaftlichen Tätigkeit, die als Ausgleich für dieses Geschenk Gottes den Bedürftigen zugutekommen muss.

Ist unter den oben genannten Aspekten ein Widerspruch zwischen Freiheit und Gerechtigkeit gegeben?

Mit Wechsel des antiken Paradigmas (entweder Hammer oder Amboss) in das christliche Paradigma der Nächstenliebe (mehr noch Feindesliebe!) kann dieser Widerspruch  zwischen Freiheit und Gerechtigkeit geglättet werden. Zwar haben die Jahrtausende gezeigt, dass das christliche Paradigma weit davon entfernt ist, allgemeine und gelebte Realität zu sein, so haben wir dennoch diese Maxime, die den Menschen hoffen lassen kann, auch wenn Kleinheit und Schwachheit des Menschen immer dagegenstehen.

Die Ambivalenz des Menschen wird bestehen bleiben zwischen großartig und schlecht, wobei (wie o.a.) unser soziales marktwirtschaftliches System Hilfestellung leisten kann, wobei die Ethik der Ökonomie Geltung hat.

Natürlich bedarf es der innerkirchlichen Entsprechung der angestrebten gesellschaftlichen Ziele und Verwerfungen sind deshalb genauso zu beseitigen. Ziel sollte es sein, eine solidarische und gerechte Gesellschaft zu erreichen, "deren Esprit die geistige Kraft der Gesellschaft" (Jaspers) darstellt.

Kommentare

Die Hürde für Wissen liegt im Menschen selbst, in seiner Veranlagung und seinem Werdegang. Es wäre bestimmt einfacher und ertragreicher darauf zu bauen, dass es Gott gibt und jeder Mensch allein dadurch seinen Auftrag hat, weil es unmöglich ist einen derzeit aktuellen Wissensstand auf alle Menschen gleich zu verteilen, nur das aber wäre sinnvoll und gerecht. Es will aber jeder mitgenommen werden in einem Prozess der Entwicklung. Sind die falschen Menschen an den richtigen Positionen oder ist die Positionierung falsch und die Menschen sind die richtigen? Egal wie es ist, es scheint ein Prozess in Gang gesetzt zu sein, der ein Nachdenken derer angeregt hat, die dort positioniert sind, wo sie Einfluss nehmen können. Ich bin z.B. froh, dass es Menschen gibt, die dafür Sorge tragen, dass öffentliche Toiletten geputzt werden und Müll von öffentlichen Flächen und Gebäuden entfernt wird. Das weiß ich, doch ich weiß nicht, ob diese Freude von anderen Menschen mit mir geteilt wird. Arbeitsteilung ist ein Prozess, der sich aus der Gemeinschaft entwickelt hat und er zeigt, indem ich mit meinen Mitmenschen respektvoll umgehe kann ich eigene Anforderungen auf andere übertragen. Fast jeder hat eine Arbeit, die er zusätzlich zu seinen Aufgaben im Alltag bewältigen muss, egal wo er herkommt und wohin er geht. Wir leben hier in Deutschland in einer Demokratie, die schon seit über 60 Jahren eingeführt ist und in die die Menschen mittlerweile hineingeboren werden. Für sie ist es selbstverständlich in Frieden und Freiheit zu leben, doch das ist das Ergebnis eines Krieges, der sehr, sehr viele Opfer forderte. Demokratie setzt die Selbstdisziplin voraus, die hart angeeignet im Umgang mit dem täglichen Leben und seinen Herausforderungen durch den Krieg war. Was erfordert heute noch Disziplin?

Wer kann das beurteilen außer Gott?

Es gibt etwas im Menschen, dass das kleinste Atom spalten kann und über den Glauben an Gott in die Gegenwart führt. Die Kirche in ihrem Zusammenschluss kann den Menschen das geben, was kein Mensch je geben konnte außer Jesus Christus, die Auseinandersetzung mit dem Begriff Gott. Der Verstand ist für den einen nutzbar, der andere benötigt ihn. Was Gott erschaffen hat ist der Raum dazwischen. Zeit ist der Aufwand für die Leistung, die dafür benötigt wird, um all das in die Gegenwart zu bringen, was in der Vergangenheit vergessen wurde.