Die Frage ist: An wen ist diese Initiative gerichtet?

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Marianne Krummel

Für den Arbeitskreis Ökonomie und Kirche in Berlin äußert sich mit der Frage, an wen sich die Initiative eigentlich wendet, Marianne Krummel.

Es heißt, es solle eine „breite gesellschaftliche Debatte für eine erneuerte Wirtschafts-und Sozialordnung“ angestoßen werden.  Neue Problemfelder werden genannt, aber die Frage ist: Was ist der Hintergrund der neuen Herausforderungen und was ist der Hintergrund von neuen Lösungen?

Der Eindruck ist, dass die Verfasser das selbst nicht wissen oder dass sie nicht klar zu sagen wagen, was sie insgeheim glauben.

Die Frage ist nun: Glauben sie insgeheim an die neoliberale hegemoniale Weltanschauung mit ihrem defizitären Menschenbild, was sich angesichts der angebotenen politischen Analysen und Lösungsvorschläge zuhauf nachweisen lässt. Dann hieße das, insgeheim sollen die herrschenden politischen Kreise beschwichtigt werden, denn man stehe ja auf ihrer Linie, die Kirchen seien keine Gefahr und würden keine der gängigen Linie zuwiderlaufenden Forderungen stellen. Es werden zugleich jene Kirchenmitglieder beschwichtigt, die ähnlich denken, denn man will sie ja nicht verprellen. – Ein gewisses diplomatisch-therapeutisches Vorgehen ist nicht zu verkennen. Man weist auf  (anscheinend) positive politische Anschauungen und Maßnahmen hin und schlussfolgert daraus mögliche Verbesserungen. Dass „Reformen“ hier (meist) Verschlechterungen bedeuten, d.h. Sozialabbau, wird nur zögerlich problematisiert (z.B. „atypische Beschäftigungsverhältnisse“).

Der Verdacht kommt auf, dass man deshalb keinen Diskussionsprozess vorab in Gang gesetzt hat, damit die Adressaten  im Endeffekt nicht wissen, wer wirklich hinter dem Papier steht.

Auf der anderen Seite lässt aufhorchen, dass Menschen angesprochen werden, die sich „dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen“. Allerdings ist man schon misstrauisch, ob damit, sowie mit der „Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ das gemeint ist, was Christen angesichts des Evangeliums darunter verstehen. Die Umwidmungen von Gerechtigkeit und Sozialem in früheren Papieren der Kirchen (z.B. „Das Soziale neu denken“) haben das Vertrauen untergraben.

Die Christen, die das Evangelium ernst nehmen, werden nun an verschiedenen Stellen angesprochen, in denen Mitgefühl und Moral angemahnt wird.

Die Frage ist: Sollen sie davon überzeugt werden, dass einiges nicht zum Besten läuft in unserer globalen Gesellschaft und für Veränderungen eintreten? Sind sie eventuell so selbstbezogen, dass ihnen nur das eigene Seelenheil am Herzen liegt, wie das Bischof Schneider in seiner einführenden Rede andeutete?

Menschen mit wachem sozialem Gewissen brauchen diese „Initiative“ nicht, um für Menschenwürde, gegen Ausbeutungsverhältnisse und für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung einzutreten. Was soll also diskutiert werden? Der „Ausgleich von Freiheit und Gerechtigkeit“(S.59) – Wessen und welche Freiheit und Gerechtigkeit? Gerechte Teilhabe wird zaghaft vertreten, Freiheit nur indirekt problematisiert.

Die verzweifelte Frage ist: Was tragen die Kirchen zur Lösung der weltweiten Probleme bei? Sie sind schließlich weltweit verknüpft und könnten im Sinne des Evangeliums Einfluss nehmen, wie es ja ihrem Auftrag entspricht (s. Mt 28,20). Noch besteht gesellschaftlicher Kredit. Der Widerstand wächst aber. Die Frage ist: Wollen die Kirchen ihre Pfründe durch Wohlverhalten retten? Die Menschen gewinnen sie damit nicht! Sie verraten ihren prophetischen Auftrag. Oder wissen sie insgeheim gar nicht mehr, dass sie ihn eigentlich hätten? Oder wagen sie insgeheim nicht, ihn ausdrücklich zu vertreten?