Die Zeichen der Zeit

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Katholikenrat Aachen-Stadt, Sachausschuss Kirche und Arbeiterschaft

Der Katholikenrat ist der Zusammenschluss von Vertreterinnen und Vertretern der Pfarrgemeinderäte in der Region und der katholischen Verbände sowie von weiteren Männern und Frauen aus Kirche, Gesellschaft und Institutionen des Laienapostolats.

Vorbemerkungen

Für uns bleibt die Frage offen, wie der Begriff Kirche im Anspruch, dass es um eine Initiative der bei-den Kirchen geht, nun zu verstehen ist. Das 97er Wort Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit entstand auf Basis eines breit angelegten Konsultationsprozesses, der wiederum die Basis und gemeinsame Grundpositionen dafür schuf, dass viele Christinnen und Christen in allen Formen der Verantwortung und auf allen Ebenen der Kirche diese notwendige gesellschaftliche Debatte mittragen konnten.

Unsere im Vorfeld dieser Veröffentlichung formulierte Kritik, dass dieses Dokument ohne Beteiligung "engagierter Christen und Verbände innerhalb unserer Kirchen oder Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen", verfasst wurde, möchten wir daher zu Beginn dieser Stellungnahme wiederholen. Dialog - so meinen wir - geht anders! Und eben diese Zielgruppe soll nun eine gesellschaftliche Debatte - was in den Grundzügen unbedingt zu begrüßen ist - anstoßen.

Die Autoren des vorliegenden Dokuments haben so ein eigenes Dilemma geschaffen: richtet sich das Hauptziel der Sozialinitiative an einer notwendigen gesellschaftlichen Debatte aus, so wird die Realität belegen, dass sich die eigentliche Debatte auf eine Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Aussagen des Dokumentes innerhalb der Kirchen reduzieren wird.

Die Autoren des Dokuments haben die Zeichen der Zeit ( absolute Freiheit der Märkte, Finanzkapita-lismus, Klimawandel, soziale Veränderungen) zwar benannt, schon beim ersten Lesen wird deutlich, dass wir in den Bewertungen und den Handlungen bzw. Ratschlägen deutliche Unterschiede ausmachen.

Sozialethische Perspektive

Die Autoren halten an der sozialethischen Perspektive des 97er-Wortes, nämlich der biblisch gestütz-ten Option für die Armen, fest und konkretisieren dies an drei Grundaussagen:

  • Das Gebot der Nächstenliebe, das sich aus der Gottesliebe zu den Menschen ableitet.
  • Die Universalität der Gottesliebe und ihre Bedeutung für die Menschheitsfamilie.
  • Die Option für die Armen, die eine Option für die ganze Gesellschaft ist.

Diese Option für die Armen bleibt aber im Vorwort des Dokumentes geparkt. Die Armen selbst kommen im gesamten weiteren Dokument nicht mehr vor!

Eine recht verstandene Kirche hat - so die Konzilsväter - die Aufgabe „die Zeichen der Zeit zu erkennen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (Gaudium et spes). Bedarf es nicht eher propheti-scher Menschen und prophetischer Reden, um Kritik an einer sich an kapitalistischen Werten orientierenden Gesellschaft zu üben und sich parteilich denen zu zeigen, die keine Chance und Stimme haben, um auf ihre Notlagen und ihre Interessen hinzuweisen. Papst Franziskus hat es uns vorgemacht, weil nur so Kirche für die Menschen sichtbar und verstehbar wird.

Wie sähe ein Dokument aus, dass sich den Sorgen und Nöten derer widmet, die uns in unserem Alltag begegnen: die Langzeitarbeitslosen, die Alleinerziehenden, die prekär Beschäftigten und Leihar-beiter mit ihren Familien, die Situation der Frauen und ihre Perspektiven einer Alterssicherung, die ausgegrenzten Migranten und die Flüchtlinge an den Toren Europas.

Wie sähe ein Dokument aus, dass Menschen weltweit in den Blick nimmt, die Opfer unserer Form des Wirtschaftens sind: eine Milliarde Menschen unter der Armutsgrenze, die Opfer und Leidtragenden des Klimawandels in den Entwicklungsländern, die Sklaven und Kinderarbeiter in den weltweiten Nie-derlassungen globalisierender Konzerne. Nur so - und nicht anders - ist die Option für die Armen zu verstehen.

Die Zeichen der Zeit - erkennen

Die Autoren haben unseres Erachtens die Zeichen der Zeit (absolute Freiheit der Märkte, Finanzkapitalismus, Klimawandel, aktuelle und zukünftige soziale Veränderungen) benannt.

Die Autoren beschreiben die Ursache einer neoliberalen Deregulierung und weisen richtig darauf hin, dass es grundlegend neuer ordnungspolitischer Maßnahmen in Politik und Wirtschaft bedarf. Sie be-nennen z.B. die Haftungspflicht der Finanzjongleure und bekräftigen die Wiederentdeckung des Staa-tes als ordnungspolitische Kraft gegenüber der unsichtbaren Hand der Märkte.

Diese Aussagen decken sich mit Analysen des SAS im Rahmen des Dialogprozesses Impulse für mehr soziale Gerechtigkeit im Bistum Aachen.

Die Zeichen der Zeit - deuten

Die Grundthese der Autoren lautet: Wir sehen die Probleme der Marktwirtschaft und lösen sie mit ihren eigenen Instrumenten! Fatal ist diese Deutung in zweierlei Hinsicht: einerseits belegen sie das Funktionieren der Marktwirtschaft am bundesdeutschen Beispiel (als gäbe es da keine andere Welt) ohne dabei die sichtbaren Verwerfungen der Arbeitsgesellschaft erklärbar zu machen, andererseits reduzieren sich die Ratschläge der Autoren auf die Lobpreisung von Maßnahmen der Bundesregierung (Rente, Hartz IV und Arbeitsmarktpolitik). Ganz außer Acht lassen die Autoren, dass viele christliche Initiativen, Gruppen und Verbände zu den Maßnahmen der Bundesregierung anderslautende und deutlich abweichende Positionen formuliert haben (Rente, Hartz IV, Arbeitsmarktpolitik, Mindestlohn, soziale Sicherung und Grundeinkommen).

Fast rigide ist die Position der Autoren ("Wir ... ermuntern") zu nennen, doch die Finger von der Verteilungsgerechtigkeit zu lassen und dagegen einen "chancenorientierten ... Diskurs" zu führen. Fast scheu benennen die Autoren zwar, dass es ein Problem mit der Umverteilung gibt, belassen es aber bei dieser Feststellung. Aber wie sollen - was die Autoren selbst ja fordern - die Staaten für einen so-zialen Ausgleich sorgen, wenn gleichzeitig die Umverteilung tabuisiert wird?

Benannt aber nicht präzisiert werden im Dokument die Fragen nach einer auf Wachstum basierenden Marktwirtschaft. Einerseits warnen die Autoren, dass das herrschende - also unser - Modell nicht auf die ganze Welt übertragbar - und damit "fragwürdig" sei. Andererseits schwören sie auf ein abgemil-dertes 'grünes' Wachstum, weil nur so Wohlstand und soziale Sicherung möglich seien? Die Antwort auf diese Grundfrage aber stellt den notwendigen Paradigmenwechsel im 21. Jahrhundert dar.

Die Zeichen der Zeit – Beiträge für den Dialog

Diesem Papier fehlen unseres Erachtens klare christliche Standpunkte und Anleitungen "für verän-derndes Handeln" (Papst Franziskus); Wo erfahren diejenigen Hoffnung, die systematisch ausge-grenzt sind? Wo ist die Frage nach den Werten in unserer Gesellschaft? Wo ist die deutliche Frage nach Gerechtigkeit? Wo ist die Frage nach der Solidargemeinschaft? Wo ist die Frage, warum so viele gut qualifizierte Menschen (nur zu alt) keine adäquate Beschäftigung mehr finden? Wo ist die klare Position, dass Menschen von dem, was sie für 8 Stunden Arbeit pro Tagen erhalten, auch gut leben können müssen?

Darum halten wir fest:

  • Es bedarf einer kritischen Auseinandersetzung mit der derzeit herrschenden Variante eines aktivierenden und durch Erwerbsarbeit inkludierenden Sozialstaates.
  • Wie kann das Anliegen des 97er-Wortes neu gestärkt werden, einen erweiterten Arbeitsbegriff in die gesellschaftliche Debatte zu tragen, um somit Beiträge zu einer notwendigen Transformation der Arbeitsgesellschaft zu leisten?
  • Gerade aus Sicht einer Option für die Armen bedarf es einer Skandalisierung des gesellschaftlichen Reichtums. Die Abkehr von der sozialen Markwirtschaft bestand ja gerade darin, die Schere zwischen arm und reich zu weiten. Die damit verbundenen Versprechen wurden nicht eingelöst, dies zeigt die Realität der Finanzmärkte, die Schere aber ist geblieben. Darum ist die Thematisierung des Reichtums eine erste und nicht die letzte Frage für eine gerechte Gesellschaft.
  • Das Dokument lässt uns vermissen, wie eine Diskussion mit Beiträgen um eine zukunftsfähige und gerechte Gesellschaft aussehen kann. Wir wollen auf der Grundlage christlicher Werte Gesellschaftsmodelle, wie z.B. die Tätigkeitsgesellschaft, beschreiben und Menschen mitnehmen, Visionen für eine am Gemeinwohl orientierte erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung zu entwickeln.