Elf Anmerkungen zur Sozialinitiative der Kirchen

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Erwin Helmer

Erwin Helmer ist KAB-Diözesanpräses und Leiter der Betriebsseelsorge im Bistum Augsburg.

Publik-Forum Leserkreis Berlin

Der Publik-Forum-Leserkreis Berlin hat sich eingehend mit der Sozialinitiative befasst und eine gemeinsame Erklärung sowie individuelle Stellungnahmen verfasst.

1. Die Sozialinitiative schließt an das Gemeinsame Wort der Kirchen von 1997 an und führt die Grundgedanken weiter. Sie greift wichtige Themen und Probleme auf, wie die Fortentwicklung der Ökologischen und Sozialen Marktwirtschaft, die Regulierung der Finanzmärkte, die Frage der Verteilung der Güter, den Klimawandel und die Bewahrung der Schöpfung, die Folgen der Globalisierung und die entsprechend notwendige ethische Steuerung der freien Märkte.

Es ist zu begrüßen, dass sich beide Kirchen zu einer gemeinsamen neuen Sozialinitiative zusammenraufen, denn das Evangelium ist nicht zu trennen von den sozialen und globalen Systemen und Ereignissen in der Welt. Papst Franziskus hat jüngst in „Evangelii gaudium“ in einem eigenen Kapitel „Die soziale Dimension der Evangelisierung“ betont, denn „wenn diese Dimension nicht gebührend deutlich dargestellt wird, (man) immer Gefahr läuft, die echte und vollständige Bedeutung des Evangelisierungsauftrags zu entstellen. … Das Kerygma besitzt einen unausweichlich sozialen Inhalt: Im Mittelpunkt des Evangeliums selbst stehen das Gemeinschaftsleben und die Verpflichtung gegenüber den anderen.“ (Nr.176/177)

2. Die Sozialinitiative greift viele zentrale Themen auf und stellt Positionen gegenüber, läuft aber dadurch Gefahr, nur eine „ausgewogene“ Abhandlung zu sein, deren Konsequenzen unklar bleiben. Sie droht im „Sowohl-als auch“ hängen zu bleiben. Und damit würde ihr die „Soziale Initiative“ genommen.

Es genügt nicht, die sozialen Herausforderungen unserer Zeit zu beschreiben, ohne den Weg der Analyse und der Lösungen zu gehen. Sozialinitiativen müssen immer auch die Finger in die Wunden legen. Da hatte das Gemeinsame Wort von 1997 die passende Gliederung in der Methode der CAJ und KAB: Sehen – Urteilen – Handeln. Diese Vorgehensweise wäre auch in der Sozialinitiative zu empfehlen, um  zu wirklichen Ergebnissen und pastoralen Konsequenzen zu kommen. Meines Erachtens muss die „Sozialinitiative“ also weitergehen.

3. Die Sozialinitiative beschönigt die wirtschaftliche und soziale Situation in Deutschland. Die zunehmende soziale Spaltung wird benannt aber eben nicht analysiert und ihre Überwindung nicht als dringendes Anliegen erkannt. Vermutlich scheiden sich bei der Analyse die Geister. Trotzdem müssen einige drängende Probleme angegangen werden, die sich schnell ausbreiten: die zunehmende Armut in Deutschland trotz Wachstum, die Zunahme der Armenspeisungen („Tafeln“), die Benachteiligung von Familien mit (mehr) Kindern, die Altersarmut, die Beziehungs- und die Bildungsarmut...

Verteilungsgerechtigkeit stärker in den Blick nehmen

4. Die Sozialinitiative verwässert die „Option für die Armen“ in eine prinzipielle Option für die Armen und für das Ganze. Option für die Armen meint aber mehr als ein Prinzip, mehr als eine funktionale Kategorie. Option für die Armen ist nicht nur ein ethisches, christliches Kriterium unter vielen, es ist die entscheidende Kategorie zur Beurteilung sozialen und christlichen Handelns in unserer Zeit.

In diesem Sinn hat Papst Franziskus „eine arme Kirche für die Armen“ als durchgängige geistliche und praktische Linie vorgegeben. Die „Option für die Armen“ ist der Maßstab Jesu Christi. Oder anders gesagt: Die „Option für die Armen“ hat als Maßstab Jesus Christus, der gesagt hat: „Ich war hungrig ... ich war durstig … ich war krank … ich war im Gefängnis ...“, und ihr hat mir beigestanden.

5. Die Sozialinitiative benennt klar und deutlich das Problem der „prekären Arbeit“ (Leiharbeit, geringfügige Beschäftigung, Werkverträge, Niedriglöhne), bleibt aber dann inkonsequent und blass. Auch der Begriff „atypische Arbeit“ wird verwendet, um neue, deregulierte Formen der Arbeit zu beschreiben. Hier wäre wünschenswert den Begriff „prekäre Arbeit“ zu verwenden, um auch ein politisches Signal der Veränderung auszusenden.

Der Begriff „atypische Arbeit“ wird in Statistiken verwendet, um die vielen neuen Arbeitsformen von gesicherten Normalarbeitsverhältnissen abzugrenzen. Er eignet sich nicht, um auf problematische Arbeitsformen hinzuweisen. Die Zunahme der „atypischen Arbeit“ allerdings schreitet enorm voran, sodass schon bald der Punkt erreicht werden könnte, an dem die „atypische Arbeit“ zur „typischen Arbeit“ wird.

6. Die Sozialinitiative beklagt die zunehmend ungerechte Verteilung der Güter, in Deutschland und weltweit. Zu schnell wendet sie sich aber der Beteiligungsgerechtigkeit zu und plädiert für einen „chancenorientierten gesellschaftlichen Diskurs“.

Hier wäre die Verteilungsgerechtigkeit stärker in den Blick zu nehmen, die in den vergangenen Jahren der „Deregulierung“ aus dem Blick geraten war.
Es kann uns nicht egal sein, wenn die Vermögen und die Einkommen weiter und weiter auseinanderdriften. Ein Viertel der Deutschen verfügt schon jetzt über kein Vermögen oder ist verschuldet.  Diese Entwicklung verfestigt sich und sollte in einem staatlich geförderten Programm aufgegriffen werden, das hilft, Vermögen auf zu bauen.

7. Die Sozialinitiative kritisiert die Tarifflucht und die immer geringer werdende Tarifbindung in Deutschland. Staatliches Handeln wird angemahnt, vor allem  in der Frage des Mindestlohns.

Gut, dass die Kirchen hier den Finger in eine Wunde legen, denn die Tarifbindung befindet sich seit Jahren im Sinkflug. Ganze Branchen versuchen sich aus der sozialen Verantwortlichkeit heraus zu stehlen. Das kann eine „Soziale“ Marktwirtschaft nicht dulden, zu der sich die Kirchen bekennen.
Die Sozialinitiative bleibt hier aber Antworten schuldig.

Die Vision einer neuen Kirche, das ist: eine arme Kirche an der Seite der Menschen

8. Die Sozialinitiative spricht von „gewissen Tendenzen einer Entsolidarisierung“ und nennt in diesem Zusammenhang das Beispiel der Bildung von „Spartengewerkschaften“. Das ist sicher richtig. Auch die Rolle so genannter „Christlicher Gewerkschaften“ könnte hier genannt werden, deren für unrechtmäßig erklärter Tarifvertrag für Leiharbeiter großen Schaden verursacht hat.

Entsolidarisierend wirken aber vor allem die Aufspaltung von Belegschaften in Kern- und Randbeschäftigte (z.B. Leiharbeit), sowie die juristische Abgrenzung und Aufteilung von größeren Betrieben in rechtlich selbständige kleine Betriebseinheiten oder Betriebsteile. In beiden Fällen werden nicht selten Mitbestimmungsorgane und Tarifverträge teilweise außer Kraft gesetzt. Entsolidarisierend wirkt insbesondere die Ideologie des freien deregulierten Marktes, die sich in den Köpfen und Herzen der Menschen eingenistet hat. Sie macht jeden zum Wettbewerber des andern.

9. Der Sozialinitiative fehlt es an biblischer Vision. Papst Franziskus spricht vom „Hinaus-gehen“, von „Mauern einreißen“, vom „Aus-sich-herausgehen“, von einer „verbeulten“ Kirche, die ihm lieber ist als eine Kirche, die um sich kreist.

Die deutschen Kirchen sind aufgerufen zu einem echten Neuaufbruch, zur Evangelisierung aus der Erfahrung der Freude des Glaubens, die weltweit Menschen in ihrer göttlichen Würde bestärkt, die Türen öffnet, Menschen begeistert und weltumspannende Solidarität ermöglicht.

10. Die Sozialinitiative sollte vor allem ein prophetisches Wort in unsere Zeit hinein sein. Mehr Provokation, mehr Motivierung, mehr prophetische Schärfe - nah am Menschen, nah an der harten Wirklichkeit, nah am Reich Gottes. Denn Gott hat etwas zu sagen, in unsere Zeit hinein.

Nichts braucht die Welt mehr als authentische Zeugen und überzeugende Zeichen des Glaubens.

11. Der Sozialinitiative fehlt die Vision einer neuen Kirche, das ist: eine arme Kirche an der Seite der Menschen, besonders der Armen. Eine einfache Kirche, die glaubwürdig und selbstkritisch ist. Eine Christus nahe und damit absolut dem Menschen nahe Kirche.

Eine entsprechende Selbstverpflichtung unserer reichen deutschen Kirchen wäre eine gute, eine frohe, eine froh-machende Botschaft an die suchenden Menschen unserer Tage.