Mangelnde Sensibilität im Umgang mit Not und Ausgrenzung

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Bahnhofsmissionen sind offene, niedrigschwellige Anlaufstellen der Kirchen an Bahnhöfen. Der Standort am Bahnhof ist durchaus exponiert; er liegt im Schnittpunkt mannigfaltiger Spannungsfelder .Das Unterstützungsangebot von Bahnhofsmissionen gilt jedem Menschen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Konfession, Nationalität und sozialem Status. In ihren Gästen spiegelt sich die Vielfalt der Gesellschaft wider. Es gibt nur wenige Orte in unserer Gesellschaft, an denen sich Menschen mit so verschiedenen Biographien, Prägungen und Überzeugungen begegnen. Die Bahnhofsmission sieht in diesen Begegnungen von Mensch zu Mensch – auch innerhalb der Teams -  einen entscheidenden Beitrag zu einem friedlichen Miteinander und zur Wahrnehmung sozialer Verantwortung.

In der siebten These des Sozialwortes bekennen sich der Rat der EKD und die Deutsche Bischofskonferenz zu ihrer „gemeinsamen Verantwortung“, „durch Inklusion und Partizipation zur Chancengerechtigkeit beizutragen“. Es geht ihnen um die „Teilhabe aller Menschen in unserem Land in den unterschiedlichen Lebensbereichen“ (S. 42). Dabei richten sie ihren besonderen Blick explizit auch darauf, „die sozialen Chancen derjenigen Menschen zu verbessern, die am unteren sozialen Rand der Gesellschaft leben“. (S. 43f)

Im Hinblick auf die Realität armer Menschen in Deutschland sowie auf die Bewertung der Situation von Menschen mit Migrationshintergrund wird der Text seinem Anspruch, Inklusion und Teilhabe Benachteiligter zu fördern, allerdings leider nicht gerecht.

Vorurteile und Stereotype werden reproduziert

Wenn auf S. 38 im Blick auf den demographischen Wandel festgestellt wird: „Die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert zugleich“, so könnte man mit viel gutem Willen noch von einer unglücklichen Formulierung ausgehen. Denn die mögliche Alternative, dass die Kirchen den zu erwartenden Rückgang des Anteils von Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit bzw. deutsch“stämmiger“ Menschen an der Gesamtbevölkerung in Deutschland problematisieren, ist – hoffentlich – ausgeschlossen.

Allerdings handelt es sich nicht um einen einmaligen sprachlichen Ausrutscher. Problematisch, weil zumindest einseitig, ist auch die Feststellung, der verzögerte Rückgang der (Langzeit)Arbeitslosigkeit in Deutschland sei damit zu begründen, dass „… der Beschäftigungszuwachs phasenweise vor allem aus dem Ausland … erfolgte“ (S. 46). Tatsächlich ist aber die Verstetigung der Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland in erster Linie darauf zurückzuführen, dass benachteiligte Bevölkerungsgruppen dauerhaft den Anschluss verpassen und ausgeschlossen werden.

Der Text blendet mit diesen Äußerungen die faktische und in Deutschland als Einwanderungsland auch gewollte gesellschaftliche Vielfalt aus. Diese mangelnde kulturelle Sensibilität widerspricht dem Leitgedanken von Partizipation und Inklusion.

Ausmaß und Konsequenzen materieller Armut und existentieller Not in Deutschland werden unterschätzt

Das Sozialwort macht sich stark für eine „vorrangige Option für die Armen“ (S. 44). Zugleich aber geht der Text an zwei Stellen relativ oberflächlich und leichtfertig über die Lebenssituation von armen Menschen und deren Probleme hinweg. So spricht das Sozialwort auf S. 21 von „… Ausgrenzungen von Menschengruppen aus sozialen Lebensbereichen und von Ämtern und gesellschaftlichen Positionen …“ sowie von Menschen mit Migrationshintergrund, denen „… der Zugang zu bestimmten Bereichen und Positionen in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat erschwert wird.“

Tatsache ist, dass es solche und andere Formen der Benachteiligung in unserer Gesellschaft gibt. Es handelt sich jedoch nicht, wie der Text zu suggeriert, um Randphänomene, bedauerliche Einzelfälle oder Ausnahmeerscheinungen. Vielmehr haben Bildungsbenachteiligung, Chancenungleichheit und Exklusion von armen Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund nachweislich System. Sie sind strukturell bedingt, sind die Regel, nicht die Ausnahme: Indikatoren wie Armutsrisikoquoten (Bevölkerungsdurchschnitt: 15,8%; Menschen mit Migrationshintergrund: 21,5%, Alleinerziehende: 37,1%) oder etwa die durch Internationale Vergleichsstudien wie PISA nachgewiesene Korrelation der Bildungsabschlüsse der Eltern und der Verteilung der Kinder auf die Schularten belegen dies eindeutig.

Gleichzeitig sind die Folgen dieser Benachteiligungen wesentlich drastischer als im Sozialwort beschrieben. Ungerechtigkeiten bestehen nicht ausschließlich beim Zugang zu „Ämtern und Positionen“ oder in einem Mangel an „soziale Anerkennung“ (S. 43). Tatsache ist vielmehr, dass viele Menschen in Deutschland nicht nur um einen besseren Platz in der Gesellschaft kämpfen, sondern überhaupt um einen Ort zum Leben: Für Wohnungslose, Armutsflüchtlinge, prekär Beschäftigte und Hartz-IV-Empfänger, geht es täglich um die Sicherung existentieller Grundbedürfnisse wie Essen, Wohnen, Bildung, Mobilität - um die Sorge für den nächsten Tag, die nächste Nacht, ums materielles Überleben.

Die dramatischen Folgen und Langzeitwirkungen der stattfindenden Exklusion für die Lebenschancen und -läufe von Menschen werden vom Sozialwort nicht erkannt. Und das in einem Land, in dem jedes vierte Kind Hartz-IV-Leistungen bezieht, in dem in dem 40% der Gymnasiasten Eltern mit (Fach-)Hochschulabschluss und nur 8,2% Eltern mit Hauptschulabschluss haben. Und zugleich in einer Zeit, in der viele Menschen, die aus Not, Armut und Verzweiflung ihre innereuropäische Freizügigkeit für einen neuen Anfang in Deutschland nutzen, um in Deutschland allein gelassen werden und vor Wände laufen. All diesen Menschen wird der Text in keiner Weise gerecht.

Die „gemeinsame Verantwortung“ konkretisieren auf das Handeln der Kirchen beziehen

Diese gravierenden Defizite könnten Folgen der Tatsache sein, dass die Sozialinitiative der Kirchen ihren explizit formulierten Anspruch nicht einlöst:

  • Der Titel des Impulstextes verspricht etwas, das den Namen „Sozialinitiative“ zu Recht tragen würde: Beide Kirchen bekennen sich zu ihrer „gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“. Da die gemeinsame Verantwortungsübernahme ein gemeinsames Tun voraussetzt, scheint - frei nach Matthäus 7: „An unseren Taten werdet ihr uns erkennen“ - klar, dass Subjekt der Verantwortung die Kirche/n und Gegenstand der Verantwortung ihr (gemeinsames) Tun ist.

Doch solche Erwartungen werden schnell enttäuscht. Schon das Vorwort schränkt die Wahrnehmung der Verantwortung auf einen Wortbeitrag zur Debatte ein. Durch reales Handeln eingelöst werden muss die Verantwortung primär durch andere. Die Überprüfung des „eigene(n) Handeln(s) in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht“ wird am Ende des Papiers leider nur in Aussicht gestellt (S. 59).

  • Verantwortung kann nur in der Konkretion glaubwürdig gelebt werden. Diese bringt bringt aber notwendig Begrenzung mit sich. Wo sich Verantwortung abstrakt und universal auf alles und jede/n bezieht, wird sie zur Leerformel. Aus ihrer Erfahrung als niedrigschwellige, offene Anlaufstelle weiß die Bahnhofsmission: Die Konfrontation mit den eigenen Grenzen kann sehr schmerzhaft sein, ist aber unumgänglich. Wo beispielsweise Frauen, Männer und Familien aus anderen Ländern am (Bus-)Bahnhof eintreffen, die in Deutschland kaum eine Chance auf Arbeit, Wohnung und gesetzliche Transferleistung und keinen Zugang zum medizinischen und psychosozialen Versorgungssystem haben, sind die Unterstützungsmöglichkeiten auf ein Minimum begrenzt. Das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit kann zu Ohnmachtsgefühlen bei den Helfenden führen, die Demotivation, Resignation und im Extremfall den - individuellen oder systemischen -  burn out zur Folge haben können.

Die Widerstände, auf die das Sozialwort der Kirchen trifft – Abwehr, Ignorieren, Kritik - resultieren zum großen Teil daraus, dass die Kirchen ihre „gemeinsame Verantwortung“ nicht primär auf ihr eigenes Handeln beziehen und Akteure, Verantwortlichkeiten sowie deren Grenzen konkret benennen.