Nur Mut zur Begeisterung!

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Günter A. Menne

Günter A. Menne ist Coach und Kommunikationsberater und Pressesprecher des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region.

Vor kurzem erhielt ich Post von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), adressiert an meine freiberufliche Adresse als Coach und Kommunikationsberater in Rösrath: Ein Exemplar der Gemeinsamen Texte Nr. 22 "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" – und dazu ein Begleitschreiben, in dem ich persönlich gebeten werde, mich mit einem Beitrag an der ökumenisch angestoßenen Debatte des Textes zu beteiligen, im Internet und auf einem Kongress im Sommer dieses Jahres. Gerne komme ich dieser Einladung im Folgenden nach – in der o. g. Funktion, in der ich angeschrieben wurde, aber sicher auch aus meiner Expertise des Leiters der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eines großstädtischen evangelischen Kirchenverbandes, nämlich desjenigen in Köln und Region.

Die beiden Kirchen wollen sich mit dem aktuellen Papier und über ihre neue Website in eine gesellschaftliche Debatte einbringen, sich als Mitinitiatoren einer Bewegung empfehlen – als "ehrliche Partner". Hier drängt sich sofort die Analogie zu dem Wort vom 'ehrlichen Makler' oder 'ehrbaren Kaufmann' auf. Dieses Gütesiegel bürgt für Kompetenz, Qualität und Glaubwürdigkeit und damit als Orientierungsmarke für die umworbene Kundschaft und Referenz für nachhaltigen Erfolg.

Erfolg, das heißt – zuallererst! – Vertrauen am Markt zu erwerben. Und um einen Markt handelt es sich auch beim Forum einer Debatte. Vertrauen (und in der Folge dann Marktanteile) aber erwirbt immer nur dasjenige Unternehmen, dem es gelingt, sich mit einer U.S.P = "Unique Selling Proposition" potenziellen Kunden gegenüber mit Profil zu platzieren: mit einem einer klaren Produktaussage. Mit einem Produktversprechen, das auch tunlichst gehalten werden sollte. Mit einer einschlägigen Kompetenz für das Produkt. Und einem stimmigen Image, welches kongruent mit dem Produkt sein sollte.

Letztlich entscheidend aber für den Erfolg ist stets die Relevanz des Produkts. Das kann zum Beispiel heißen: Innovation, bestenfalls Einzigartigkeit des Produkts, welches eine Nachfrage optimal befriedigen (oder sogar erzeugen) kann. Sind diese Voraussetzungen gegeben, können Marketing und Kommunikation erst den erwünschten Erfolg am Markt noch beflügeln. Gemessen daran: wie ist die Ökumenische Sozialinitiative kritisch zu würdigen?

Die Kraft des Impulses von 1997 war wohl nicht stark genug

Mit ihrem jetzt publizierten gemeinsamen "Papier" (so bezeichnen die beiden Kirchen ihren Text im Vorwort desselben – und verleihen ihm damit schon eine heikle Konnotation) verkünden sie der Welt nichts Neues: Ausdrücklich beziehen sich die beiden Partner ökumenisch auf das gemeinsame Wort des Jahres 1997. Und begründen dessen 'Neuauflage' mit dem Voranschreiten einer bedenklichen Entwicklung der Realwirtschaften und der Finanzmärkte. Deren globale gesellschaftliche und ökologische Auswirkungen hätten zu einer Verschärfung des – schon damals erhobenen – Befundes geführt: Werteverlust, Entsolidarisierung, Ungerechtigkeit, Flüchtlingselend, Klimaerwärmung…

Damit steht gleich am Anfang des neuen Aufbruchs die Erkenntnis, dass die Kraft des Impulses aus dem Jahr 1997 (so freundlich und respektvoll dieser auch medial und politisch seither ‚bedacht‘ wurde) wohl nicht stark genug gewesen ist. Den beiden Kirchen ist es offenbar nicht gelungen, die beklagte Entwicklung in den zurückliegenden 18 Jahren in eine heilsame Richtung zu steuern. Oder doch wenigstens an diesem Manöver mitzuwirken. Die Gesetze des Marktes und dessen ‚Logik‘ erwiesen sich als zu widerständig. War "die unsichtbare Hand des Marktes" (Adam Smith) schon nie so richtig zu packen, so hält seit Anfang des neuen Jahrtausends die Faust eines Dämons – jener der Globalisierung – die Welt im Würgegriff.

Mit der Vertreibung von Dämonen aber sollten sich die Kirchen (wer sonst?) aber doch auskennen! An dem Punkt setzt meine Kritik des aktuellen "Papiers" durchaus humorvoll an, jedoch mit einer Reihe von allerdings ernsten Fragen: Was macht das 'Unternehmen Kirche' in seinem innersten Kern aus? Worin besteht seine solitäre Kompetenz? Was ist das einmalige und nirgendwo sonst am Markt zu bekommende 'Produkt' der 'Firma' Gott, Sohn & Co.? Und was ist das Versprechen an den 'Kunden', das die Kirche ihm mit dem 'Kauf' der mit der neuen Kampagne noch einmal wärmstens angepriesenen 'Ware' denn macht?

Ohne Antworten auf diese Fragen gibt es keinen vernünftigen (und emotionalen) Grund für die Kunden, sich für das Produkt – sprich: das Angebot der Debatte, der Beteiligung, der Bewegung – überhaupt zu interessieren. Ohne die Deklaration des spezifischen Gewichts ihrer Argumente werden die Kirchen keine neuen Anteile am Markt der Kommunikation über die bedrohliche Entwicklung gewinnen. Ohne die Herausarbeitung des genuinen Mehrwerts der religiös fundierten Orientierung werden Menschen sich nicht für "die Sache Jesu" – ein oft gehörter Topos – begeistern lassen. Und sind die Kirchen denn nicht die Filialisten seiner Ecclesia? (Gemeint ist hier nicht etwa die gleichnamige Versicherungsgesellschaft!)

Die spirituelle Dimension der verhängnisvollen Entwicklung raschelt zu leise

Da reicht es nun nicht, wenn Kirchenvertreter die Positionen und Forderungen von Gewerkschaften und ihnen nahestehenden Parteien 'nachbeten'. Die U.S.P. einer "Bundeswerteagentur" (die Marke hat der ehemalige Ratsvorsitzende, Altbischof Prof. Dr. Wolfgang Huber erfunden) reklamieren auch andere, zumindest in Anteilen, für sich – und haben damit Erfolg: Um den Klimawandel kümmert sich Greenpeace, und zwar mit Patentschutz. Zur Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft forschen und publizieren Dutzende von öffentlichen und privaten Instituten. Gottlob gibt es Finanzexperten und Volkswirtschaftler, die etwas zur Konsolidierung der Staatsfinanzen zu sagen haben, auch außerhalb der Welt der Banken. Den demographischen Wandel beobachten Soziologen und destillieren die Erträge ihrer Analysen zu Empfehlungen an die Politik und Wirtschaft. Und das Europa-Thema Bildung steht ganz oben auf der Agenda zahlreicher NGOs und auch der Regierungen.

Nun behaupten die Kirchen in der Neuauflage ihres gemeinsamen Textes aber auch gar nicht, für alle diese Themen die Experten zu sein und dazu quasi alleinständig etwas substanziell Neues beitragen zu können. Obwohl weite Teile ihres Textes in jedem seiner Kapitel leider nicht viel mehr als nur den 'Forschungsstand' zu eben diesen Themen referieren. Um stets, in gefälligen Variationen, mit der Formel zu enden: "An der in unserer Gesellschaft notwendigen Debatte über diese Fragen wollen wir uns als Kirche mit diesem Papier [sic!] beteiligen".

Ihr Angebot geht auch schon dahin, aus christlicher Perspektive, gespeist biblischen Quellen, Impulse zu einer Orientierung nicht nur für’s Volk, sondern auch für die Frauen und Männer unter den Experten, also für die Macherinnen und Entscheider in Wirtschaft, Finanzwelt und Politik zu liefern. (Womit nebenbei deutlich wird, dass es sich bei dem 'Produkt' der Kirchen also um eine Dienstleistung handelt. Oder vielleicht doch um ein 'Produkt' – Sinn?)

Damit geht der strategisch-unternehmerische Ansatz schon mal in die richtige Richtung, was die Entwicklung der genannten "Unique Selling Proposition" betrifft. Allein, dem Impuls fehlt die überzeugende geistliche Potenz – ihm fehlt die Strahlkraft des Glaubens: Die spirituelle Dimension der verhängnisvollen Entwicklung, vor allem aber die jener der Alternativen auf der Planungs- und Handlungsebene müssten stärker plausibel gemacht, sichtbar gemacht, spürbar gemacht werden.

Diese spirituelle Dimension klingt zwar – in ableitenden Betrachtungen zu den Themen Ethik und Kultur, vor allem im Schlusskapitel des 60-seitigen Textes über das Generalthema "Verbindung von Freiheit und Gerechtigkeit" – sachte an im "Papier" der Kirchen, doch raschelt es (materialbedingt) viel zu leise...

Lesen Sie weiter auf Seite 2.


Bevor ich nun zu einer Antwort auf die zentrale Frage nach jener "spirituellen Dimension" komme, will ich zuvor noch fragen: Was will das Papier bzw. was wollen die Kirchen mit ihrem Text? Oder anders gefragt: wen und was genau wollen sie mit ihrem Papier erreichen? (Beide Antworten gehören zusammen.)

Wenn ich die Broschüre richtig gelesen und auch verstanden habe, dann wollen die Kirchen eine breite Debatte neu entfachen und Menschen gewinnen, ja ermutigen, an ihrer (der Kirchen) Seite die seit 1997 zweite Welle einer Bewegung zu initiieren. Eine Kraft entfalten, die sowohl die Regierenden ergreift als auch genug Power aufbaut, die einen Druck als Gegenkraft zu jenem Druck der Lobbyisten und anderer Treiber des Materialismus erzeugen könnte, denen gegenüber die Verantwortlichen in Politik und Regierung bisher zu nachgiebig sind. Und damit zulassen, dass Gesellschaften, Völker, Staaten, Ökosysteme und damit der ganze Planet in immer schnellerem Tempo der Apokalypse entgegen taumeln.

Wenn dem aber so ist, dann braucht es einen Prozess (…mehr als ein "Papier") der 'Be-geist-erung' von Menschen im öffentlichen Raum, in medialen, kulturellen, politischen Kontexten. Ein solcher Prozess aber, eine Bewegung, eine Welle, überträgt sich immer nur von Mensch zu Mensch. Konkret durch Menschen, die anderen Menschen eine Geschichte erzählen. Immer persönlich. Egal ob im analogen oder digitalen Modus. Ob im Gottesdienst oder auf Facebook. Ohne eine solche "Story" funktioniert keine Kampagne.

Die Erzählung wird Menschen nur zu Herzen gehen, wenn sie sie emotional berührt

So eine Geschichte muss Potenzial haben. Vor allem darf es keine Horror-Story von dräuenden Problemen sein, die überdies allen Zuhörern längst bekannt sind. Sondern eine spannende Geschichte, erzählt aus eigenem Erleben. Mit allen authentischen Zweifeln. Doch voller Hoffnung. Und mit einem zündenden Plot: einer Vision davon, warum es sich lohnt, warum es gut ist, an einer Lösung der Probleme gemeinsam zu arbeiten – JETZT. Eine solche Erzählung müsste von einer Kraft aufgeladen sein, die Sehnsucht und die Hoffnung in den Seelen von Menschen zu wecken, eine bessere Welt mitzugestalten – alles andere bleibt "Papier"…

Zum Schluss meiner – ich betone noch einmal: von der EKD ausdrücklich von mir erbetenen, also nicht ungefragt geäußerten – Kritik des 'Sozialwortes der Kirchen 2.0' begebe ich mich als Nicht-Theologe auf ein gefährliches Terrain, womöglich mitten hinein in vermintes Gelände. Denn versprochen war ja noch eine Antwort auf die doppelt gestellte Frage,  wie nun 1.) die 'spirituelle Dimension' der verhängnisvollen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, fiskalischen und sozialen Entwicklung seitens der Kirchen in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt werden könnte und wie 2.) diese 'spirituelle Dimension' in dem Impuls der Kirchen Gestalt und Kraft gewinnen könnte. Ich will zumindest den Versuch einer Antwort nicht schuldig bleiben.

Die Story selbst, erzählt von Frauen und Männern der Kirche in einer Sprache, die auch Menschen außerhalb der Kirchenmauern heute verstehen und die ihnen vor allem zu Herzen geht, ist das Medium, das sich auf dem Markt der kommunikativen Möglichkeiten verbreitet und zu bewähren hat. Der Stoff dieser Erzählung aber wird Menschen, die sie vernehmen, nur dann "zu Herzen gehen", wenn er sie nicht bloß intellektuell streift, sondern emotional berührt. Dies jedoch geschieht stets nur dann, wenn sich in Worten Erfahrungen mitteilen – und Lust auf eigene Erfahrungen wecken.

Hier aber liegt die "Crux" – um es hier mit Worten des Benediktinerpaters Willigis Jäger zu sagen: "Wenn Erfahrungen in unserer Spezies ihre Wirkung zeigen würden, hätten sie entscheidende Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Unser soziales System baut auf den egozentrischen Modellen unseres Gehirns auf. Religionen und Theologie haben hier ihren Ursprung. Sie sind Deutungen des Lebens und geben einer Gesellschaft Halt. Aber für viele Menschen reichen diese Erklärungen nicht mehr aus. Die dritte Stufe der Religion, die Erfahrung der Wirklichkeit [Ergänzung des Verfassers: nämlich die der Einheit und Verbundenheit aller Daseinsformen als Manifestationen des Göttlichen, wie sie die Mystiker aller Religionen aus ihrer eigenen Erfahrung berichten] ist die alleinige Zukunft der Religionen. Daher das viel zitierte Wort von Karl Rahner: 'Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas "erfahren" hat, oder er wird nicht mehr sein.' […] Wenn Rahner zu seiner eigenen religiösen Gemeinschaft sprach, pflegte er zu betonen, dass die Christenheit, sofern sie nicht mystisch geprägt ist, keine Überlebenschancen hat und ausstirbt" (Willigis Jäger u. a., Bielefeld 2009, S. 58 f.).

Die Barmherzigkeit in den Herzen aufgehen zu lassen, ist und bleibt die Aufgabe der Kirchen

Eben das aber gilt nicht nur für die (vergleichsweise kleine) Schar der globalen Christenheit, sondern für die gesamte Menschheit. Ohne die Erfahrung – und dazu muss alle kirchliche Verkündigung einladen, dazu hinführen und sie ermöglichen – und ein Ergriffenwerden von der Botschaft jener Einheit und Allverbundenheit der mannigfaltigen Erscheinungsformen des einen Seins (und so auch des einzelnen Menschen zu seinem Mitmenschen und der gesamten sozialen und biologischen Natur) verebbt jeder Impuls im Nichts der Verantwortungslosigkeit. Und verhallt auch jeder Appell "Du musst dein Leben ändern", wie ihn der Philosoph Peter Sloterdijk – mit einem Wort Rainer Maria Rilkes – als Titel seiner gleichnamigen Studie (Frankfurt a. M. 2009) gewählt hat.

Von dieser Wahrheit des Lebens zu künden – auf dem Weg der Nachfolge Jesu, der nichts anderes mit seinem Wirken und Leben und Sterben bezeugt hat – und, wie es in Märchen der Völker heißt, "das versteinerte Herz" des Menschen zu erweichen, in ihm jene Barmherzigkeit aufgehen zu lassen, ohne die alle Ethik der "reinen Vernunft" nur ein kategorischer Imperativ bleibt (dem doch niemand folgt, wie wir seit 1997 einmal mehr wissen), das ist und bleibt die Aufgabe der Kirchen.

Und das wäre eigentlich der "Plot" ihres zweiten 'Sozialwortes' 2014 und seiner medialen und personalen Weitererzählung – womit die (vermisste) spirituelle Dimension des "Papiers" benannt sei. Nur aus dieser Dimension heraus weiterentwickelt und weitererzählt, könnte sich der Impuls der beiden Kirchen nun relevant von anderen Beiträgen, etwa der Gewerkschaften, der Grünen oder des Arbeitnehmerflügels der CDU und den Forderungen von Greenpeace, zur Debatte um eine "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" unterscheiden – und den Autoren dazu taugen, zusammen mit ihren Bündnisgenossen als "ehrliche" und zugleich starke Partner eine gemeinsame Allianz der Verantwortung jetzt neu zu schmieden.

Kommentare

Eine Lobhudelei im Unternehmensberaterjargon. Eine weitere Verlautbarung zur einer Verlautbarung statt einer sinnvollen Diskussion.
Das hat noch lange nicht das Niveau von 1997, und zwar nicht inhaltlich, wie der Pressesprecher meint, sondern von der Form her.
Welche Formen, um nur ein Beispiel zu geben, der Familienförderung sind denn nun "christlich" erwünscht und aus "christlicher" Sicht bezahlbar?