Persönliches Votum zur Sozialinitiative der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Dietrich Schirmer

Für den Arbeitskreis Ökonomie und Kirche in Berlin äußert sich Dr. Dietrich Schirmer aus theologischer Sicht zur Sozialinitiative.

Alles, was in sozialdemokratisch—liberalen Kreisen in Sonntagsreden auf allen Kanälen innenpolitisch herausposaunt wird, greift dieses Papier fein säuberlich auf: Allgemeinplätze, im Detail unkonkret, wohlfeile Vorschläge an Politiker und Wirtschaftsmächtige - ohne jede Selbstkritik der Kirchen. (Nur ganz am Schluß, S.59f, eine milde Aufforderung, sich doch auch an die eigene Nase zu fassen.) Das Ganze wirkt auf mich wie ein peinliches Schielen auf die Zustimmung der herrschenden Kräfte zu der hier vorgestellten Kirchensicht. Das ist Anpassung pur.

Ein biblisch begründetes Eigenprofil fehlt in meinen Augen weitgehend. ausgenommen auf den Seiten 11-14. Gerade einmal 4 Bibelstellen werden angeführt. Und sie zielen ausschließlich auf individuelles Handeln. Die politische, die Völker angesprochene Dimension des Gleichnisses Matthäus 25, 45 ff wird z.B. ausgeblendet.

Ausgeblendet aus der schmalen Zitatensammlung werden die ökonomisch konkreten Texte der Bibel, die Hinweise auf alternatives Handeln im Wirtschaftsleben enthalten: Das Zinsverbot, das Entschuldungsgebot, das Verbot der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und der Erde (Sabbatgebot). Mit Bezug auf diese Texte wäre es angezeigt, grundsätzliche Änderungen im wirtschaftlichen Handeln einzufordern (oder, wie es im Texte heißt: Es müssen auch die strukturellen–Ursachen der Krise gesucht werden“),  auch in der Praxis der Kirchen. Dazu gibt es eine Vielzahl theologischer, wirtschaftsethischer Untersuchungen. Davon nimmt die „Sozialinitiative“ nicht die geringste Kenntnis. Ihre „Bibel“ ist die „Soziale Marktwirtschaft“ und das Credo: ein Gleichgewicht zwischen Freiheit und  sozialem Ausgleich muß gefunden werden (S. 35 u.ö.). Ein an der politischen-wirtschaftlichen Realität wenig reflektierter Freiheitsbegriff.

Unkritisch wird auch das Mantra „Wettbewerb“ behandelt, das in der neoliberalen Wirtschaftslehre und -praxis eine zentrale Rolle spielt. Das Überflügeln-wollen der Konkurrenten als unabdingbare Methode unsers Wirtschaftens halte ich für eine zerstörerische Maxime.

Der amtskirchliche Text (die Verfasser bleiben anonym) atmet ganz den Geist des ehemals Rostocker Pfarrers und tapferen Kämpfers für die Freiheit und meint damit – wie er unermüdlich mit einem Sowohl als Auch  daher plaudert – die Freiheit der des kapitalistischen Unternehmerschaft. Keine Spur von prophetischer Kritik. Da ist Franziskus schon näher dran mit seinem klaren Satz:  Dieses Wirtschaftssystem tötet.