Von der Wachstumsgesellschaft zur Balance- oder Ausgleichsgesellschaft

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Ausgangssituation

Zwei wesentliche Merkmale charakterisieren die Soziale Marktwirtschaft, die wir in der Bundesrepublik seit ihrem Bestehen haben und permanent weiterentwickeln.

Zitate aus dem Dokument „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ werden hier mit ... eingerahmt.

Erstens:

Der Anbieter von Waren richtet sein Sortiment und die Qualität seines Sortiments an den Wünschen der Verbraucher aus und verlangt einen Preis, den der Konsument zu zahlen bereit ist. „Die Marktwirtschaft ist damit diejenige Wirtschaftsordnung, die ein Maximum an Produktivität, Wohlstandsmehrung und persönlicher Freiheit verbindet.“
(Ludwig Erhard)

Zweitens:

Die Verteilung öffentlicher Güter und der sozialen Leistungen funktioniert so weit, dass jeder Mensch mit dem Lebensnotwendigen versorgt ist und brauchbare Chancen zur persönlichen Entwicklung hat.

Das System der Marktwirtschaft hat sich bewährt. Es hat im Vergleich zu anderen Wirtschaftssystemen gesiegt und wird von der Mehrheit angenommen. Jetzt aber stoßen wir an systemische Grenzen.

Defizite der Sozialen Marktwirtschaft und Anforderungen an eine gerechtere Gesellschaft

...wie sehr unser wirtschaftliches Handeln und soziales Leben inzwischen von den Triebkräften der Globalisierung bestimmt werden...

In einer Struktur, in der die Unternehmen weltweit agieren, können die Erträge dort versteuert werden, wo es die Unternehmen wollen. Der Ort der Leistungserbringung oder der Ort des Handels muss nicht mehr der sein, wo die Steuer entrichtet wird. Das ist unfair, denn die Staaten, in denen produziert und gehandelt wird, stellen den Unternehmen die teure Infrastruktur zur Verfügung und ermöglichen den Bürgern die erforderliche Kaufkraft für den Erwerb ihrer Waren. Das ist eine ungerechte Umverteilung zugunsten der Unternehmen.

...In ökologischer Hinsicht ist die Belastbarkeitsgrenze unseres Planeten erreicht...

Eine liberale Marktwirtschaft ist auf Wachstum ausgerichtet. Die Begrenztheit der Welt gestattet aber nicht mehr, dass es ein globales volkswirtschaftliches Wachstum gibt. Für eine staatenübergreifende Gerechtigkeit bedarf es daher einer Umverteilung zugunsten der ärmeren Staaten.

...ethisches Orientierungswissen...

Ein erweitertes Modell der Sozialen Marktwirtschaft muss im Vergleich zur aktuellen Wettbewerbs- und Wachstumsgesellschaft attraktiv sein, um angenommen zu werden. Fehlende Akzeptanz fördert nur Korruption und Betrug. Ein erweitertes Wirtschaftssystem muss daher den Bestand der Vermögenden sichern und trotzdem muss es Zustimmung zum Verzicht auf ein allgemeines volkswirtschaftliches Wachstum geben.

...wenn wir heute über Fragen der Wirtschaft nachdenken, dann bildet die gesamte Menschheitsfamilie unseren Verantwortungshorizont. Als Christen sagen wir: ...Gott ist Mensch geworden...Deswegen hat das Doppelgebot der Liebe für uns zentrale Bedeutung: Gott lieben ist unmöglich, ohne auch den Nächsten zu lieben...

Liebe lässt sich nicht verordnen. Sie kommt aus der Persönlichkeit. Eine juristische Person handelt aber nicht aus dem Herzen, sondern aus der Maxime unseres heutigen Wirtschaftssystems: Gewinne zu erwirtschaften. Das ist der Auftrag an das Management und die Handelnden fügen sich in diesen Auftrag. Hier muss das System die Maxime im gesellschaftlichen Konsens ändern und eine Möglichkeit schaffen, weiterhin Gewinne zu erwirtschaften und auch wachsen zu können, ohne dass damit ein globales Wachstum verbunden ist.

Es gilt...auch unter sich verändernden sozialen Verhältnissen die Werte der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit im Blick zu behalten...

Diese Veränderungen ergeben sich nicht nur im Rahmen der Geschichte sondern auch zyklisch. Menschen werden geboren und sterben, Unternehmen werden gegründet, gelöscht oder gehen in die Insolvenz. Zu diesem Zyklus gehört, dass die Menschen in der Jugend Ansprüche haben, um sich eigenständig etablieren zu können. Das bedarf wirtschaftlicher Investitionen. Mit Eintritt in die Rente sind in der Regel aber keine Investitionen mehr notwendig und auch die wirtschaftliche Mehrbelastung durch Kinder entfällt. Diese zyklischen Veränderungen werden heute in unserem Wirtschaftssystem nicht reflektiert.

Es gilt daher die Zyklen des Lebens auf das Wirtschaftssystem zu übertragen.


Die Balance- oder Ausgleichsgesellschaft

Das Prinzip zeigt die Natur.

Die Lebenden brauchen zum Leben Energie, doch ist diese Energie nur in anderem Leben, den Tieren und Pflanzen, enthalten. Um selbst existieren zu können, müssen wir das Leben anderer löschen und ernten daher Pflanzen und töten Tiere. Es gibt keine andere Möglichkeit zu überleben. Damit aber dieses System langfristig funktioniert, müssen die Lebenden, die nicht von anderen verzehrt werden, altern und sterben.

Genau diese Umverteilung fehlt dem Wirtschaftssystem. In Verbindung mit einem globalen Wettbewerb, einer immer billiger werdender Transportleistung und einer bisher ungeahnten Transparenz schrumpfen auch noch die Margen. Und genau das fördert dann wieder das „mehr“. Will einer nämlich mehr Ertrag, muss er, wegen der schrumpfenden Margen, erheblich mehr umsetzen.

Doch es geht vielleicht auch anders.

Die Gebenden und Nehmenden, diejenigen die wachsen wollen und jene, die ihren Status nicht mehr halten können oder wollen, müssen einvernehmlich einen Handel über das Potenzial ihres bisherigen bzw. geplanten Umsatzes abschließen.

Das Prinzip ist seit Einführung des EU-Emissionshandels im Jahr 2005 bekannt. Da verkaufen die sauber werdenden Unternehmen ihre Berechtigung zur Verursachung von Schadstoffe an solche Unternehmen die wachsen ohne ausreichend Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen umzusetzen.

Wirtschaftliches Wachstum in den Dienst für den Menschen zu stellen

...Wirtschaftliche Aktivitäten ...stellen keinen Selbstzweck dar...Ihr Ziel ist es, die menschliche Entwicklung insgesamt zu befördern, Armut zu beseitigen, reale Freiheiten der Menschen zu vergrößern und so das Gemeinwohl weiterzuentwickeln. Deswegen kann Gewinnmaximierung um jeden Preis niemals eine moralisch akzeptabel Handlungsmaxime sein...

Mit Rücksicht auf die Begrenztheit der Ressourcen achtet die Natur beim Generationswechsel auf einen Ausgleich. Der Mensch hat diese Regel für sich aufgehoben und dabei auch jede Begrenzung des möglichen wirtschaftlichen Wachstums. Wenn aber ein aufstrebendes Unternehmen sein geplantes Wachstum erst von jenen Menschen oder Unternehmen als Potenzial von jenen erwerben muss, die schrumpfen oder sich aus dem Wirtschaftsleben verabschieden, dann wird die Wachstumsgeschwindigkeit und das Wachstumsvolumen individuell reduziert und volkswirtschaftlich ausgeglichen.

...bedarf die Marktwirtschaft einer Rahmenordnung, die die wirtschaftliche Betätigung des Einzelnen und der Unternehmen letztlich in gemeinwohldienlichen Bahnen hält...

Ausgleich statt Wachstum dient dem Gemeinwohl.

..Auch in einer wettbewerbsorientierten globalen Wirtschaft muss der Primat der Politik gewährleistet bleiben...

Die Politik bekommt ein neues Instrument zur Regelung der Wirtschaft. Sie kann auf die Entwicklung bestimmter Branchen, Personengruppen, Regionen etc. Einfluss nehmen. Sie kann fördern oder bremsen, indem sie das Wachstumspotenzial für diese Gruppen verknappt, verteuert, vermehrt oder verbilligt.

Die Soziale Marktwirtschaft nachhaltig weiterzuentwickeln

...Wirtschaftliche Effizienz und sozialer Ausgleich sind politisch gleichermaßen im Blick zu halten...

Das bestehende System der wirtschaftlichen Effizienz bleibt auch in einer Ausgleichsgesellschaft unangetastet, wohingegen der soziale Ausgleich massiv gefördert wird. Der Wachstumswillige muss vom Sichzurückziehenden dessen Potenzial kaufen. Der Sichzurückziehende bekommt zusätzliche Mittel für die Zeit seiner Unproduktivität. Handelt es sich dabei um Rentner, wird die Gesellschaft in ihrer Fürsorge um den Kaufbetrag des Wachstumszertifikat entlastet.

...in der Wirtschaft brauchen wir eine ordnungspolitische Erneuerung wie eine Erneuerung der Verantwortungskultur...

Der Einzelne und auch der Vertreter einer Gruppe, einer Firma oder einer Institution muss sich fragen, warum er wachsen will. Die Diskussion über dieses „warum“ wird rege geführt werden, denn wachsen kostet Geld. Die Betroffenen müssen sich rechtfertigen und sie müssen mit denen die abgeben wollen, Verhandlungen führen. Sie werden dabei auch dazu geführt, über das eigene Schrumpfen nachzudenken. Das weckt Verständnis und fördert den Dialog unter den Marktteilnehmern. So entwickelt sich auch eine neue Verantwortungskultur.

...in den letzten 30 Jahren die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen zugenommen...

Wenn sich eine auf die Wirtschaft bezogene Balancegesellschaft etabliert und über längere Zeit praktiziert wird, herrscht ein anderes Denken vor. Wachsen als Selbstzweck wird zu teuer und langfristig gesellschaftlich auch nicht mehr anerkannt sein. Der Wunsch der Beibehaltung des Status oder auch bewusstes Zurücknehmen eigener Ansprüche wird zur freiwilligen Umverteilung führen.

...demografischer Wandel... ...Generationengerechtigkeit... ...hohes Risiko, im Alter in Armut zu leben...

Die Verschiebung der Alterspyramide wird es schwer machen die Renten auf dem bestehenden Niveau zu halten ohne das Rentenalter nochmals deutlich anzuheben. Wenn aber mit Beginn des Rentenalters der Betroffene sein erworbenes Umsatzpotenzial, das seine Rente übersteigt, an die Aufstrebenden verkaufen kann, dann stehen weitere Mittel für die Altersversorgung zur Verfügung, um die die Sozialkassen entlastet werden.

...die Steigerung des materiellen Wohlstandstands muss in eine neue Balance mit der Steigerung des Beziehungswohlstands gebracht werden... ...Dazu gehört auch mehr Aufmerksamkeit für die Pflege und Fortentwicklung sozialer Beziehungen, für Erziehung, liebevolle Zuwendung und die Förderung der Gemeinschaft wie für eine Beziehung zur Schöpfung, die nicht von Ausbeutung gekennzeichnet ist, sondern von Achtung...

Genau das ist der Kern der Idee: Statt globales Wachsen, individuelles Wachsen im Ausgleich mit jenen die schrumpfen. Der Beziehungswohlstand wird gefördert, da das prinzipielle „mehr“ ersetzt wird durch ein gezieltes „mehr“ und darüber ein Dialog mit den schwächer werdenden geführt werden muss. Da das „Mehr“ als Selbstzweck entfällt, steht dann auch mehr Zeit für die Pflege von Beziehungen zur Verfügung.

...Unser gegenwärtiges Wohlstandsmodell ist aufgrund der Begrenztheit der vorhandenen natürlichen Ressourcen und der Grenzen der Belastbarkeit des Planeten nicht weltweit verallgemeinerbar und damit in gewisser Weise fragwürdig. Gleichzeitig kann niemand den sich entwickelnden Ländern das Recht bestreiten, am weltweiten Wohlstand teilzuhaben. Die dadurch notwendigen Veränderungen sind in ihrem Ausmaß noch viel zu wenig im Bewusstsein du akzeptiert...

Würde man den Wachstumshandel europäisieren, dann könnte bereits ein kontinentaler Ausgleich stattfinden. Natürlich ließe sich das Modell sogar weltweit praktizieren, doch erscheint mir dieser Anspruch mittelfristig kaum realisierbar.


Ordnungspolitische und ethische Maßstäbe für die Wirtschaft zu erneuern

Der ordnungspolitische Maßstab wird in einer Balancegesellschaft stärker von einem fairen Geben und Nehmen geprägt sein, da im Vordergrund der Ausgleich steht. Ein ethischer Maßstab mag sich daraus über einen längeren Zeitraum entwickeln.

Die Staatsfinanzen zu konsolidieren

...Die mit einer nachhaltigen Haushaltskonsolidierung verbundenen Belastungen müssen dabei gerecht verteilt werden. Dafür muss nicht nur gefragt werden, welche öffentlichen Ausgaben gestrichen oder gekürzt werden sollten, sondern es muss auch die Einnahmenseite einbezogen werden...

Natürlich kann der Handel mit Wachstumspotenzial auch besteuert werden. Die viel größere Einnahme für den Staat aber ergibt sich aus dem Verkauf von Wachstumspotenzial, denn der Staat erbt das nicht weiter verkaufte Potenzial der Verstorbenen und der insolvent gegangenen Unternehmen sowie jener, die versäumt haben, rechtzeitig zu verkaufen. Damit ergibt sich eine ergiebige neue Einnahmequelle für den Staat und zugleich Steuerungsmöglichkeiten.

Auch Unternehmen, die aus dem Ausland fakturieren, müssen lokal ihr Wachstum erwerben und werden somit in manchen Fällen erstmalig auch national abgabenpflichtig. Ihr Nutzen aus der Infrastruktur und der Kaufkraft seiner Bürger würde damit ein wenig ausgeglichen.

Ökologische Nachhaltigkeit in Lebens- und Wirtschaftsstilen zu verankern

...auf Nachhaltigkeit umstellen...

Wenn die gesamte Volkswirtschaft nicht mehr wächst und der Staat über den Wachstumshandel die Möglichkeit hat bestimmte Branchen, Regionen, Personengruppen zu fördern oder zu bremsen, ergibt sich die Nachhaltigkeit aus dem System und der politischen Einflussnahme darauf.

...Dieser anspruchsvolle Veränderungsprozess wird nur dann gelingen, wenn das neue Ziel der ökologischen Verantwortung mit den herkömmlichen Prinzipien der marktwirtschaftlichen Freiheit und des sozialen Ausgleichs verbunden wird...

Die liberale Marktdemokratie bleibt auch in einer Balancegesellschaft unangetastet.

...das wirtschaftliche Wachstum wird auch in Zukunft von Bedeutung sein...

Gestern war es die Fortbewegung, heute ist es die Kommunikation und morgen wird es vielleicht die Energie sein, wo mit Schwerpunkt die Wirtschaft wächst. Doch dafür versinken andere Bereiche. In einer Ausgleichsgesellschaft wachsen einige, aber nicht die gesamte Volkswirtschaft.

...Zugleich müssen jedoch Entwicklungspfade gefunden werden, die das Wirtschaftswachstum von weiteren Steigerungen des Ressourcen- und Umweltverbrauchs abkoppeln...

Allein das volkswirtschaftliche Nullwachstum in den großen Industrienationen führt zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs.

Die mit dem demografischen Wandel einhergehenden sozialen Belastungen gerecht zu verteilen

Der Pilz in der Alterspyramide und die damit verbundenen hohen Kosten belastet die produzierende Gesellschaftsschicht. In einer Balancegesellschaft aber werden die Alten mit zusätzlichen Mitteln aus der Gruppe der Wachstumswilligen versorgt. Der Markt, der sich aus dem Handel mit diesem Potenzial entwickeln wird, wird sicher auch neue Rentensysteme erzeugen. Systeme nämlich, die aus den Erträgen des Verkaufs von Wachstumspotenzial der Rentner entstehen.

Durch Inklusion und Partizipation zur Chancengerechtigkeit beizutragen

...Ethische Leitbilder eines solchen chancenorientierten gesellschaftspolitischen Diskurses sollten Inklusion und Partizipation sein...

Ob Immigrant oder Deutscher mit Migrationshintergrund, ob arm oder reich, Mann oder Frau, alle müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen und Diskussionen über persönliches Wachsen und Reduzieren führen. Das fördert den Altruismus und führt zur Durchmischung der Bevölkerung.

Diese Chancengerechtigkeit ergibt sich auch aus der Unmöglichkeit des Vererbens oder Sammelns des Wachstumspotenzials. Auch hier dient die Natur als Vorbild. Die Möglichkeit wachsen zu können, ergibt sich aus dem biologischen Ablauf des Lebens. Das lässt sich nicht auf andere übertragen oder aussetzen und sammeln. So ähnlich sollte es auch mit dem Wachstumshandel sein. Wer wachsen will, der kann es, doch das Horten von Wachstumspotenzial sollte nicht möglich sein.

Durch Bildung die persönliche Entwicklung und den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt zu fördern

Wenn das „mehr“ in den Hintergrund tritt, dann wird der Blick für andere Bereiche des Lebens erweitert. Dann findet sich eher Zeit für Bildung und Beziehungskultur.

Die Verbindung von Freiheit und Gerechtigkeit

...Wir halten die Trennung von Ökonomie und Moral für falsch und für fatal. Sie ist schon historisch grundfalsch... Die Aufgabe der Wirtschaft sollte es sein, in bestmöglicher Weise die materiellen Grundlagen für ein gutes, selbstbestimmtes Leben aller zur Verfügung zu stellen... ...Wir sehen mit Sorge, dass sich in der allgemeinen Wahrnehmung die Ökonomie immer weiter von der Ethik entfernt hat... ...Wo...Gier und Maßlosigkeit propagiert und praktiziert werden, zersetzt sich der gesellschaftliche Zusammenhalt mit fatalen Folgen... ...Die menschliche Gesellschaft ist keine Gemeinschaft von puren Egoisten, aber auch keine von reinen Altruisten...

...Wir werben dafür, dass wir als Gesellschaft versuchen, eine Antwort auf die sich in der Geschichte immer wieder neu stellende Frage zu finden, wie Freiheit und soziale Gerechtigkeit zusammengedacht und –gebracht werden können...

In einer Gesellschaft in der das individuelle Wachstum der Aufstrebenden von den sich Verabschiedenden gekauft werden muss wird eine neue Beziehungskultur hervorbringen.


Der Übergang aus der Komperativgesellschaft in eine Ausgleichsgesellschaft

Wer mehr Umsatz machen will, muss in dem Geschäftsjahr, in dem er das Wachstum plant, mindestens diese „Mehr“ als Wachstumspotential kaufen. Hat er es erworben, muss er es nutzen, kann es aber auch weiter verkaufen. Wenn sein Inhaber stirbt, liquidiert oder insolvent geht, so erbt es der Staat. Vererbbar an Nachkommen ist dieses Potential nicht. Man kann es auch nicht sammeln, denn wenn man es nach dem Erwerb in einer befristeten Zeit nicht genutzt hat, verfällt es wieder. Einzig das persönliche Wachstum, das mit Geburt oder Einwanderung vom Staat ausgegeben wurde, bleibt einem bis zum Rentenalter erhalten.

Der Handel mit dem Potenzial wird dem Markt überlassen. Dafür werden sich Zwischenebenen bilden. Das kann dann eine Börse sein oder Versteigerungen oder auch ein mehrschichtiger Handel. Die „Großen“ werden nämlich nicht mit Tausenden von „in Rente gehenden“ Einzelgeschäfte abschließen, wenn sie beabsichtigen wachsen zu wollen.

Natürliche Personen:

Jeder Neugeborene erhält ein bestimmtes Budget zugeordnet, das dem Einkommensdurchschnitt o.ä. entspricht. Will der Betroffene mehr, muss er wachsen und das Potenzial im Markt kaufen. Erst mit Eintritt in das gesetzliche Rentenalter kann er jenes Potenzial verkaufen, das seine zum Zeitpunkt des Verkaufs bestehende Altersversorgung übersteigt.

Die Unzulässigkeit der Vererbung und der früheste Zeitpunkt des möglichen Verkaufs sind ganz wesentliche Parameter. Wäre nämlich die Vererbung zulässig, bliebe der Anspruch einer gewissen Umverteilung von Reich zu Arm unerreicht. Wäre der Verkauf des eigenen Wachstumspotenzials schon vor dem Rentenalter möglich, hätten die Leichtsinnigen alles schon in der Jugend verspielt und der Anspruch den Verkaufserlös für die Altersvorsorge verwenden zu können, wäre verloren. Wer daher vor dem Rentenalter stirbt oder nach Eintritt in die Rente versäumt hat zu verkaufen, verliert sein Potenzial an den Staat. Das Potenzial darf daher auch nicht beleihbar sein, denn auch dann bliebe den Leichtsinnigen nichts fürs Alter.

Juristische Personen

Firmen, die gegründet werden, müssen mit der Gründung den Nachweis eines Wachstumspotenzials erbringen und mit Ihrer weiteren Entwicklung entsprechendes Volumen dazukaufen. Wer absehbar Marktanteile verliert, muss verkaufen oder verliert das Potenzial an den Staat. Auf Vorrat kaufen geht auch nicht, denn wer im Folgejahr das Volumen nicht ausfüllt, verliert es wieder an den Staat. Die Bemessungsgröße sind die getätigten Umsätze im Inland oder jenen Ländern, die sich daran beteiligen.

Für natürliche und juristische Personen gleichermaßen gilt: Wer versäumt hat Wachstumspotenzial zu kaufen, wird mit seinem „mehr“ so hoch besteuert, dass kaum noch etwas davon übrig bleibt. Erst wenn er das entsprechende Potenzial gekauft hat, zahlt er wieder die normale Steuer.

Damit erklärt sich auch schon der Minimalpreis eines Wachstumseuros.

Der EkSt-Höchstsatz beträgt heute in Deutschland 45%. Würde das nicht vorhandene Potenzial mit 70% statt 45% belegt, wäre ein Wachstumseuro mindestens 25 Cent wert, die Differenz aus den beiden Steuersätzen. Wie bereits ausgeführt, kann Wachstum nicht gesammelt werden. Ein Unternehmen wird daher nie mehr Potenzial kaufen als im laufenden Geschäftsjahr an Wachstum erwartet wird. Bei einem Bruttoumsatzertrag von 10%, müssten die Gesellschafter trotzdem ca. 4 Jahre auf den ROI dieser Investition warten. Das Rechenmodell bezieht sich auf die Annahme, dass der Wachstumseuro 25 Cent kostet und diese Investition nicht abschreibungsfähig ist. Bei Abschreibungsmöglichkeiten verkürzt sich die Wartezeit. Bei einem höheren Preis dauert es länger.

Der Verkäufer des Wachstumspotenzials, ein Rentner z.B., bekäme nach dieser Rechnung für T€ 10 Wachstumspotenzial € 2.500. Je nach Angebot und Nachfrage sowie nach staatlichen Steuerungseingriffen verändert sich dieser Preis.

Mit Einführung des Systems wird der Status angenommen, aus dem heraus die Personen wachsen oder schrumpfen können. Das bevorzugt zwar die Etablierten, doch der Staat hat das Steuerungsinstrument in der Hand und kann gemäß den politischen Zielen in das System eingreifen. Das volkswirtschaftliche Volumen, bezogen auf die nationalen Umsätze, wird aber nur noch wachsen, wenn der Staat das Volumen anhebt. Mit einem entsprechenden Regelwerk kann der Staat außerdem Branchen, Gruppen, Regionen etc. fördern oder bremsen.

Ein solches System hat revolutionären Charakter und wird daher Jahrzehnte brauchen, um aus der Diskussion in die Praxis überführt zu werden. Es bietet aber auch die Möglichkeit der punktuellen Einführung, um Erfahrungen zu sammeln. So ließe sich das System auf juristische Personen beschränken, die bestimmte Geschäftszwecke haben.

Die Chancen in einer Balance- oder Ausgleichsgesellschaft

Produzierende Unternehmen mit einem relativ geringen Umsatzertrag, müssten auf den ROI des Kaufs ihres Wachstumspotenzials viel länger warten, als ein Arzt dessen Praxis wächst oder ein Angestellter der befördert wird oder ein Handwerker der sich selbständig macht. Sie alle haben nämlich einen bedeutend höheren Gewinnanteil am Umsatz als große Unternehmen. Das ist mit einer Balancegesellschaft auch beabsichtigt, denn die Unternehmen sollen ihr Wachstum abwägen und ihr Tun verstärkt auf den Nutzen für die Gesellschaft ausrichten.

Der heutige Ansporn „wie kann ich den Umsatz steigern“ wird in einer Übergangsphase, in der das Komperativdenken noch vorherrscht, ersetzt durch „wie kann ich den Ertrag bei gleichem Umsatz steigern“ und später in ein „was nützt meinen Kunden, auch wenn ich weder Umsatz noch Ertrag steigern kann“.

Die Spiel- und Wetteinrichtungen an den Börsen, die mit riesigen Umsätzen riesige Gewinne erspielen, werden durch die hohen Umsatzschwankungen von Jahr zu Jahr zu vermehrtem Kauf und Verkauf von Wachstumszertifikaten genötigt, was teuer ist und diesen Markt bremst.

Anders als in der Natur müssen sich die Alten den Jungen nicht opfern. In der Ausgleichsgesellschaft geben die Alten willentlich und bewusst ihr Potenzial an die Jungen und erhalten dafür ein Stück Versorgung für die Zeit ihrer abnehmenden Selbständigkeit. Auch wenn zu Beginn das Motiv des Wachstumshandelns noch nicht von der christlichen Maxime der Liebe geprägt sein wird, so bin ich zuversichtlich, dass im Laufe der Zeit immer stärker genau das zum Motiv wird.

Und jene, die dann sagen, „da mach’ ich nicht mit, da geh’ ich ins Ausland“ oder „ ich exportiere nicht nach Deutschland“ sei gesagt, dass andere gerne in die Lücke springen. Der Markt ist und bleibt groß genug und attraktiv durch seine Kaufkraft.