Wir stellen die Möbel um, während unser Haus abbrennt

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Die Autoren der Sozialinitiative sind sehr bemüht, strukturelle Probleme unseres Wirtschaftssystems für fehlende Gerechtigkeit verantwortlich zu machen und eine Rückbesinnung auf eine Soziale Marktwirtschaft als Lösung auszurufen. Das Schreiben der Kirchen ist allerdings nur konsequent, wenn es im Kontext einer Marktwirtschaft gesehen wird. Die Thesen zeigen scheinbare Alternativen innerhalb der bestehenden kapitalistisch geprägten Marktwirtschaft auf. Doch was unsere Gesellschaft braucht, ist eine Alternative zu diesem System. Die Propaganda, eine (Soziale) Marktwirtschaft sei alternativlos, scheint auch in den Kirchen angekommen zu sein. Doch gerade die Kirchen durch ihre moralische Autorität müssen den Menschen einen Ausweg aufzeigen, auch wenn es dazu einer Utopie bedarf.

Thesen der Kirchen greifen zu kurz

Im Folgenden liste ich ein paar Beispiele, die zeigen, wie die Thesen des Papiers sich auf eine Marktwirtschaft beschränken und die Chance verpassen, darüber hinaus Alternativen aufzuzeigen.

These 2: Soziale Marktwirtschaft nachhaltig weiterentwickeln

Die Autoren der Initiative schreiben, der materielle Wohlstand müsse in Balance gebracht werden mit „Beziehungswohlstand“ – aber ist das realistisch? Eine Marktwirtschaft belohnt individuelles Gewinnstreben und Egoismus, gleichzeitig soll  Raum geschaffen werden für Beziehungen. Um Zwischenmenschliches in den Vordergrund zu rücken – und die Kirchen haben völlig Recht, dass dies notwendig ist – muss sich ein anderes Gesellschaftsbild als das kapitalistische durchsetzen, eines bei dem Menschen und nicht Materialismus im Vordergrund stehen.

These 5: Ökologische Nachhaltigkeit in Wirtschafts- und Lebensstilen verankern

Die Autoren anerkennen, dass „eine grundlegende Transformation der Wirtschafts- und Lebensstile [erforderlich ist], um auch für kommende Generationen eine hohe Lebensqualität zu sichern.“ Leider wird nicht darauf eingegangen, was unter „Lebensqualität“ verstanden wird – im Zusammenhang des Gesamtwerkes vermutlich in erster Linie materieller Wohlstand. Hier sehen die Kirchen keine „überzeugende Alternative“ zu einer weltweiten Sozialen Marktwirtschaft. Und tatsächlich, wenn Konsum und materieller Wohlstand Ziel sind, ist unser Gesellschaftsmodell wohl mit das Effizienteste, was der Markt zu bieten hat, da es materiellen Wohlstand und soziale Verträglichkeit einigermaßen vereint. Aber können wir uns allen ernstes damit abfinden, in einem sozial verträglichen Wirtschaftssystem zu leben? Wenn der Mensch im Mittelpunkt stehen soll, dann kann materieller Wohlstand nur ein Mittel zum Zweck des Wohlbefindens der Menschen sein und nicht das Ziel an sich.

These 6: Mit demographischem Wandel einhergehende soziale Belastungen gerecht verteilen

Die Erhöhung des Renteneintrittsalters wird ebenfalls als alternativlos und „notwendig“ präsentiert, um „eine zu starke Absenkung des Rentenniveaus zu vermeiden“. Wenn Menschen im Rentenalter als Konsumenten von Waren und Dienstleistungen für den Fortbestand unserer Marktwirtschaft erforderlich sind, dann ist diese Sichtweise schlüssig: Mehr und länger arbeiten, um im Alter mehr konsumieren zu können. Aber wo bleibt hier die Zeit, zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen? Wo bleibt hier der Beziehungswohlstand im Arbeitsleben und im Alter? Die Kirche müsste stärker darauf hinweisen, dass die Menschen, ob jung oder alt, mehr sind als die Summe ihrer materiellen Möglichkeiten und dass „soziale Belastungen“ am ehesten durch menschliche Nähe und Nächstenliebe beseitigt werden und nicht mit mehr Geld auf dem Rentenkonto.

These 8: Gesellschaftliche Teilhabe durch Erwerbstätigkeit

In dem vorliegenden Papier wird gefordert, Langzeitarbeitslose für den Arbeitsmarkt zu „aktivieren“, denn, so wird korrekt attestiert, „Partizipation am Arbeitsmarkt und Teilhabe an der Erwerbsarbeit sind wesentlicher Ausdruck gesellschaftlicher Inklusion.“ Aber eine wache Kirche muss doch hier zu allererst hinterfragen, warum man in unserer Gesellschaft nur dann voll akzeptiert ist, wenn man einer bezahlten Arbeit nachgeht. Alle Menschen haben die gleiche Würde, nämlich die, Kinder Gottes zu sein – unabhängig von Arbeit, Geld, Status, etc. Folglich ist es doch direkte Aufgabe der Kirchen, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten und sie dazu zu bewegen, Menschen, die nicht unserem Standardbild eines voll-funktionierenden Gesellschaftsmitgliedes entsprechen, so zu akzeptieren wie sie sind, anstatt sie in das Schema des leistungsfähigen Konsumenten zu pressen.

Schlusswort: Die Verbindung von Freiheit und Gerechtigkeit

Die Verbindung von marktwirtschaftlichem Wettbewerb und sozialem Ausgleich wird als Teil der europäischen Kultur präsentiert, welche „ganz wesentlich durch das Christentum geprägt (wurde)“. Aber ist die Schlussfolgerung – Soziale Marktwirtschaft sei christlich – wirklich haltbar?

Jesus zeigt uns immer wieder, dass materieller Wohlstand uns im Weg stehen kann, wenn wir auf der Suche sind nach Gott – und damit nach individuellem und gesellschaftlichem Glück.  Der reiche Jüngling (Mt, 19,20), der es nicht schafft Jesus nachzufolgen, weil er die Hauptbedingung – seine Reichtümer aufzugeben – nicht über’s Herz bringt, ist ein Beispiel. Die Aufforderung Jesu, keine Schätze auf Erden zu sammeln, denn „wo Euer Schatz ist, da ist auch Euer Herz“ (Mt, 6,21) ein weiteres. Es geht Jesus darum aufzuzeigen, dass uns Konsum und Besitzdenken vom Wesentlichen abhalten, nämlich ihm nachzufolgen. Von einer christlichen Prägung unseres marktwirtschaftlichen Systems kann also nur bedingt gesprochen werden.

Dies sind nur ein paar Beispiele, die zeigen, wie die Initiative der Kirchen in sich schlüssig ist, aber eben nur, wenn unser marktwirtschaftliches System als alternativlos akzeptiert wird.

Haben oder Sein?

Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, an Nuancen unseres bestehenden Gesellschaftsmodells herumzudoktern, sondern müssen eine radikale Alternative in Erwägung ziehen, wenn wir eine ökologisch-soziale Katastrophe vermeiden wollen. Wie sieht also eine Alternative zu unserem jetzigen marktwirtschaftlichen System aus und wie können die Menschen (und nicht nur die Politik) diese herbeiführen?

Letztendlich müssen wir uns immer noch (oder mehr denn je) die Frage Erich Fromms stellen, wollen wir „Haben oder Sein“? Wollen wir ein Maximum an materiellem Wohlstand, inklusive der Möglichkeit uns durch materielle Dinge von anderen abzuheben und definieren wir uns dadurch – Consumo, ergo sum, oder möchten wir Sein? Sein, so Erich Fromm, bedeutet Sicherheit, Identität und Selbstvertrauen aus dem zu ziehen, was man ist (aus christlicher Perspektive eine Tochter oder ein Sohn Gottes) und sich nicht auf das zu stützen, was man hat (Geld, Macht, Wissen, etc.). Es bedeutet aus eigenem Antrieb Interesse an unseren Mitmenschen zu zeigen und diese zu respektieren, zu lieben und mit ihnen zu teilen. Eine solche Lebenseinstellung lässt sich mit individuellem Gewinnstreben nur schwer vereinbaren.

Wenn die Sozialinitiative der Kirchen Erfolg hat, führt es dazu, dass mehr Menschen am „Haben“ teil-haben können. Aber sollte die christliche Kirche nicht darüber hinausgehen und die Menschen auffordern zu „Sein“? Wie könnte ein solcher Aufruf aussehen? Eine grundlegende Transformation der Lebensstile, wie sie die Kirchen in ihrem Papier fordern, ist erforderlich und die Kirchen müssen eine solche Transformation vorleben und einfordern. Ich sehe hierzu zwei Handlungsstränge, die tief im christlichen Glauben verwurzelt sind:

1. Aufruf zum Konsumverzicht

Im Abschlusswort der Initiative fassen die Autoren zusammen, dass sich die Marktwirtschaft „als das bestmögliche System herausgestellt hat, um (…) den Bereich der materiellen Bedarfsdeckung zu organisieren.“ Mag sein, aber was wenn materielle Bedarfsdeckung, (die ja in Wirklichkeit eine Wunschdeckung ist) kein Ziel ist, sondern nur ein (verzichtbares) Mittel zum Zweck? Eine Marktwirtschaft, auch unsere Soziale Marktwirtschaft, ist darauf angewiesen dass die Menschen konsumieren. Am besten noch über ihre Verhältnisse: Eine Bank wirbt derzeit für einen Kredit mit dem Slogan „Einfach wunschlos glücklich“. Glück durch Konsum mit Geld, das ich nicht habe – auf genau diesem Verhalten der Menschen basiert unser Wirtschaftssystem.

Hier stehen die Kirchen in der Pflicht, die Menschen daran zu erinnern, dass das Streben nach materiellem Wohlstand lediglich eine Form des Hedonismus ist und nie ein Lebensziel sein kann. Auch wenn in Deutschland sich die Wenigsten bewusst für ein solches Lebensziel entscheiden würden, so handeln doch die Meisten danach. Erfolg wird an Besitztümern gemessen, gleichzeitig sind über 6,5 Mio. Menschen in Deutschland überschuldet, können also ihre Kreditverpflichtungen nicht begleichen (dies berücksichtigt nicht diejenigen, die alle Zeit, Geld und Energie erfolgreich investieren, konsumieren zu können). Eine Soziale Marktwirtschaft bietet hier keinen Ausweg; nur ein Umdenken weg vom Haben, hin zum Sein ist eine echte Alternative. Wenn sich der Einzelne bewusst beschränkt in Bezug auf Konsumgüter wie Kleidung, Handys, Autos, Urlaub, etc. um mehr Zeit und Energie für sich selbst und andere zu haben, beginnt Freiheit, die uns eine Marktwirtschaft nur vorgaukeln kann. Die Botschaft, dass Konsumverzicht uns und unseren Mitmenschen gut tut, hören wir von den Kirchen zu wenig und die vorliegende Sozialinitiative lässt diesen Aspekt leider unberücksichtigt, weil er nicht in ein marktwirtschaftliches Gefüge passt.

Dass ein solcher Verzicht möglich ist, zeigt uns Papst Franziskus. Er geht hier  bekanntlich mit gutem Beispiel voran. Er lehnt den Luxus des Vatikans für sich selbst ab und lebt ‚unter seinen Verhältnissen‘, er fährt einen Ford Focus statt des üblichen Mercedes und wohnt bescheidener als seine Vorgänger. Da er diese Bescheidenheit  auch schon als Bischof und Kardinal gelebt hat, bleibt er darin glaubwürdig. Beispielsweise ist er in Argentinien stets mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren anstatt sich chauffieren zu lassen. In seinem ersten apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium prangert er den „zügellosen Konsumismus“ unserer westlichen Gesellschaft an, der dem „sozialen Gefüge schadet“. Er fordert uns auf, „den Schrei des Armen zu hören, und ihm zu Hilfe zu kommen“. Dieses zu Hilfe kommen bedeutet nicht, ihn in unsere Konsumgesellschaft einzugliedern, sondern seine durch die Armut hervorgerufene soziale Isolation zu beenden. Dieser Ansatz führt mich zu meinem zweiten Handlungsstrang.

2. Aufruf zum aktiven Teilen mit unseren Mitmenschen

Die Marktwirtschaft basiert auf der irrigen Idee, dass Egoismus und individuelles Gewinnstreben der Einzelnen für die Gesellschaft zu Glück, Frieden und Gemeinschaft führt. Kriege um Ressourcen, fortschreitende Umweltzerstörung und soziale Exklusion der Schwachen sprechen eine andere Sprache. Wieder ist Papst Franziskus so deutlich wie kaum ein anderer in seinen Forderungen, mit unseren Mitmenschen zu teilen. In Evangelii Gaudium zitiert er einen Theologen aus dem 4. Jahrhundert mit den Worten: „Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.“ Teilen bedeutet Geld zu teilen, aber auch Zeit, Erfahrungen, etc. kurz: unser Leben. Praktisches Teilen kann viele Formen annehmen: Nachhilfe für Kinder sozial schwacher Familien, Armenspeisung, der alten Nachbarin beim Einkauf helfen, Geld für soziale Zwecke spenden, etc. Jeder hat ein Bild von solchen konkreten Formen des Teilens. Selbstverständlich teilen viele Menschen bereits ihre Gaben in unterschiedlichster Weise. Worauf ich hinaus will, ist, dass dies in unserer marktwirtschaftlich geprägten Gesellschaft als lobenswerte Nebenbeschäftigung gesehen wird und nicht als eigentliche Gesellschaftsaufgabe. Schließlich ist es in einer marktwirtschaftlichen Denke systemimmanent, erst einmal materiellen Wohlstand für sich selbst anzuhäufen und wenn dann noch Zeit und Geld übrig ist, dies eventuell mit anderen zu teilen – um den Rest soll sich der Staat kümmern, dafür zahlt man schließlich Steuern.

Den unterschiedlichen Formen des Teilens ist eines gemein: Bei ihnen steht nicht individuelles Gewinnstreben im Vordergrund, sondern Nächstenliebe. Und ich wünsche mir von den Kirchen, ein Gesellschaftsmodell aufzuzeigen, das den Menschen und Nächstenliebe im Fokus hat.

Stattdessen predigen die Kirchen in ihrer Sozialinitiative eine Rückbesinnung auf Soziale Marktwirtschaft. „We are rearranging the deckchairs on the Titanic“ ist ein englisches Sprichwort dafür, etwas scheinbar Nützliches zu tun, das doch sinnlos ist und nichts zur Lösung eines Problems beiträgt (ich habe versucht, dieses Idiom sinngemäß in der Überschrift zu übersetzen). Genau das passiert meiner Meinung nach durch ein Rückbesinnen auf eine Soziale Marktwirtschaft. Wir können dadurch Auswüchse, die Bestandteil einer Marktwirtschaft sind, für eine gewisse Zeit eindämmen, aber eine ökologisch-soziale Katastrophe auf Dauer nicht abwenden. Dazu bedarf es eines radikalen Gesellschaftswandels weg vom Haben, hin zum Sein. Voraussetzung ist, einer Vision folgen zu können, die eine solche Utopie aufzeigt. Eine Vision gespickt mit praktischen Schritten, meiner Meinung nach eben Konsumverzicht und Teilen. Die Kirchen sind prädestiniert, eine solche Botschaft zu vermitteln und ich wünsche mir, dass sie nicht im scheinbar Gottgegebenen Kontext der (Sozialen) Marktwirtschaft verharren, sondern eine solche Utopie aufzeigen und einfordern.

Jürgen Bauer, Esslingen
juergen.h.bauer@gmail.com

 

Kommentare

Ihr Aufruf zum Konsumverzicht und ein "Sein" anstelle von "haben" kann ich nicht so recht nachvollziehen. Man darf auch nicht vergessen, dass Jesus ein "haben" nicht kritisiert hat, sondern eine Gier bzw. die Anbetung des Mammon.
Große Kreise der Gesellschaft üben unfreiwillig Konsumverzicht! Konsumverzicht ist gut, aber dann muss es parallel auch Arbeitszeitverkürzung geben, weil Konsumverzicht weniger Produktion voraussetzt. Aber Sie spüren es schon: Arbeitszeitverkürzung? Dann wird es noch mehr Leute geben, die nicht über die Runden kommen...

Anhand des Themas Konsumkredite (Bankwerbung: "wunschlos glücklich") will ich einen Rundumschlag machen. Es ist wahr: viele Haushalte sind überschuldet. Konsumkredite sind aber keineswegs falsch. Ich denke z.B. an eine Finanzierung für die eigene Immobilie. Warum können Kredite u.U. nicht zurückgezahlt werden? Das ist ganz einfach: nicht die Kreditnehmer können nicht zurückzahlen, sondern die Guthabenbesitzer wollen nicht von ihrem Guthaben lassen, und deshalb kommt es nicht zur Tilgung! Um das zu verstehen, bedarf es eines klaren Verständnisses bei Kreditabläufen:
- Frau X bekommt einen Kredit von der Bank (aus dem Nichts).
- Frau X kauft damit eine Leistung ein beim Herrn Z.
- Herr Z hat nun ein Guthaben.
Der Einfachheit halber unterstelle ich, dass die Hausbank der beiden identisch ist. Damit hat die Bank seine Bilanz ausgeglichen (Kredit an X - Guthaben="Spareinlage" von Z). Worum es hier geht: Mit jedem Kredit steigt die Buchgeldmenge. Und: Die Guthabensumme entspricht rein logisch der Schuldensumme. Wenn im Beispiel Herr Z sein Guthaben ins Finanzkasino hineinstopft, oder meinetwegen Devisenspekulation betreibt (Hoeneß), oder die Zahlung von Frau Y in eine kapitalbildende Rentenversicherung für sich selbst gesteckt wird, kann kein Kredit getilgt werden (nebenbei: die Bank muss natürlich von woanders ihre Passivseite auffüllen; deshalb wirbt sie um Spareinlagen).
Herr Z muss bereit sein, bei Frau Y wiederum eine Leistung einzukaufen. Nur dann kann sie ihren Kredit tilgen, und die Buchgeldmenge sinkt. Was ich hier rein bilateral betrachte, gilt auch multilateral, also im Aggregat. Nur entwickelt sich dann irgendeine Verteilung. Manche haben viel, viele haben wenig, das ist in bestimmten Grenzen natürlich.

So, Frau X hat im Vertrauen darauf, dass sie mit ihrem Einkommen den Kredit tilgen kann, den Kredit aufgenommen. Aber... Weil Herr Z sein Guthaben nicht ausgibt, kann Frau Y ihrerseits keine Leistung verkaufen. Sie ist sozusagen arbeitslos. Und genau das ist es, was im Aggregat über alle Wirtschaftssubjekte hinweg passiert. Weil viele Guthabenbesitzer Teile des Guthabens dem Realwirtschaftskreislauf entziehen, entsteht Arbeitslosigkeit, und wenn Frau Y ihren Job verliert, kann sie nicht tilgen. q.e.d.
Schlimmer noch: Weil immer mehr Guthaben bei wenigen "landet", gibt es also mehr Arbeitslosigkeit, und weil es dann ein Überangebot an Arbeitskräfte gibt, sinken die Löhne. Die Leute müssen paradoxerweise noch mehr arbeiten, um über die Runden zu kommen.

Was folgt daraus für die Kirchen? Sie dürfen, sie müssen an Politik und Gesellschaft appellieren, dass das Ansammeln von Guthaben gegen die "Geschäftsordnung" ist. Entweder muss die Politik eine "Geschäftsordnung" betreffend Geldnutzung erstellen oder den "Reichen" muss unmissverständlich klar gemacht werden, dass deren (flüssige) Guthaben die Schulden anderer sind, und dieses Guthaben aufrecht erhalten somit unmoralisch ist. Ich bezweifle aber, ob ein freiwilliges Ausgeben der riesigen Guthaben kommen würde, also muss die Politik Rahmen setzen (z.B. Guthabenzins abschaffen, "Ablaufdatum" von Guthabenzuwächse festsetzen, usw).
Textstellen dazu: Matt. 6: "Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden" (Vs. 19, schon genannt); "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." (24); "Sorgt nicht um euer Leben" (25). Letzteres ist m.E. ein Pladoyer gegen die Idee, dass man durch Geld Sicherheit für sich und seine Zukunft verschafft".
Stichwort Guthabenzins: Luk. 19,23 "warum hast du dann mein Geld nicht zur Bank gebracht?" ist zu verstehen als Kritik Jesu am herrschenden Wirtschaftssystem seiner Zeit (Gleichnis vom anvertrautem Geld), http://www.bibleserver.com/text/EU/Lukas19,11

Zum Schluss: Nichts gegen Wohlstand im Sinne von Sachwohlstand und Konsum. Gerade im AT kommt oft zum Vorschein, dass Wohlstand als Gabe Gottes gesehen wird. Worum es aber geht, ist die Schädlichkeit des Geldansammelns. Erst wenn dieses Phänomen weitgehend abgestellt werden kann, wird Gerechtigkeit eintreten können. Dann ist prinzipiell Arbeit für jeden da. Erst dann, ja dann kann man in der Gesellschaft darüber reden, ob man nicht insgesamt weniger arbeiten solle, um insgesamt Konsumverzicht zu bewerkstelligen.
Mit diesen Schlussworten gebe ich zu erkennen, dass Ihre genannte Handlungen wie Armenspeisungen usw. erst mal reine Symptombekämpfungen darstellen. Erst wenn positive Geldvermögen minimiert sind wird man feststellen, wer arm is (das sind dann wesentlich weniger Menschen als heute), und die muss man helfen, weil die z.B. arm sind aufgrund von schlichter Arbeitsunfähigkeit.

Zitat "Voraussetzung ist, einer Vision folgen zu können, die eine solche Utopie aufzeigt. Eine Vision gespickt mit praktischen Schritten, meiner Meinung nach eben Konsumverzicht und Teilen".

Oops! Bei Änderungsprozessen werden Visionen und Strategien entwickelt. Visionen sind Trugbilder, man sagt auch "Vorspiegelung falscher Tatsachen". Der Begriff Strategie stammt aus dem Griechischen und bedeutet Heeresführung.

Ansonsten:
6 Millionen Kinder üben Konsumverzicht und
5 Millionen Erwachsene. Weitere Millionen arbeiten für einen Hungerlohn bei einer Vollzeitbeschäftigung.

Und das alles im Reichen Deutschland - und seit ein paar Jahren sieht man jeder Ecke eine Armenküche oder einen Tafelladen oder eine Armenspeisung in der Kirche.

Um Gottes Willen! Wie konnte es nur so weit kommen?

Im Arbeitsrecht sollte man die Mitarbeitererfolgsbeteiligung gesetzlich aufnehmen! Als auch die Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung!
Zudem sollten die Arbeitgeber verpflichtet werden, zunächst mal die Einheimischen einzustellen, bevor man Leute aus China einfliegen lässt. Wer sich nicht dran hält, sollte eine 6-stellige Summe als Strafe zahlen. Ohne Rahmenbedingungen des Staates, bekommen wir in dieses Chaos keine Ordnung.

Die kirchlichen Ehrenamtlichen sind sehr emsig, was die Beschaffung von Kapital angeht. Alles dreht sich doch nur noch um die Beschaffung von Gelder und Sachspenden. Was wird mit dem Ganzen Wohlstand eigentlich gekauft?

Neben Geldleistungen wird von Kirchenseite alles gerafft, was man nur bekommen kann, zum Beispiel Sachspenden in Form von Fahrzeugen (plus Werbung des Sponsors) Ts! Fundraising ist wirklich nur etwas für komplett Ungebildete. Die Folgen von Fundraising sind "ruinös"!

Wenn kirchliche Mitarbeiter/innen mit dem z. B. Kreissparkassen-Logo am "Heilig`s Blechle" herumkurven, dann steht die Kirche irgendwie im schlechten Licht und steht als unvermögend ärmlich da!

Obwohl die beiden Kirchen vor Reichtum nur so strotzen - denn jede verkaufte Kirche samt Bauplatz + Pfarrhaus spült doch ordentlich Mäuse in die Kasse! Wenn keine Kirchengebäude mehr vorhanden sind, dann ist doch zumindest der Mammon auf dem kirchlichen Bankkonto.

Ich meine, zunächst mal sollten die Kirchen mit ihrer verhängnisvollen "Mittelbeschaffung" aufhören, bevor hier große Töne gespuckt werden! Die Zeiten, wo in den von Öl-Lieferanten gesponserten, beheizten Kirchenräumen, die armen Schlucker + die Fundraiser + die Ehrenamtlichen verköstigt wurden, sind schneller vorbei als die Vision angefangen hat.

Außerdem glaube ich: Nicht jeder Porsche muss auch von der Kirche angenommen werden!

Die Kirchen sollten lernen NEIN zu sagen! Wenn das künftig nicht klappt, dann sehe ich schwarz für die beiden großen Kirchen - äh - falls noch vorhanden -.