...die sozialen Belastungen des demographischen Wandels gerecht verteilen

Die Ökumenische Sozialinitiative der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine breite Diskussion angestoßen. Die zentralen Etappen des Diskussionsprozesses, vom Kongress "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft" bis zu den Stellungnahmen, Gastbeiträgen und Kommentaren hier auf dieser Webseite, sind im Dokumentationsband "Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft" zusammengefasst, den Sie hier als PDF herunterladen können

Der demographische Wandel ermöglicht den Menschen nicht nur ein längeres Leben, er bringt vielmehr auch Chancen für die Gesellschaft mit sich. Allerdings werfen die Herausforderungen des demografischen Wandels Fragen der Gerechtigkeit auf. Die gegenwärtige Stabilisierung der Bevölkerungszahl darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland laut Statistischem Bundesamt weiterhin vor einem beträchtlichen Bevölkerungsrückgang steht. Gleichzeitig wird sich die Altersstruktur der Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten drastisch verändern; das gilt insbesondere für das Zahlenverhältnis der Personen im Rentenalter zu denen im Erwerbsalter. Die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert zugleich.

Auch eine engagierte Familienpolitik wird die gegenwärtige demographische Entwicklung nicht kurzfristig umkehren können. Wenn es auch unbestritten ist, dass vor allem die umlagefinanzierten solidarischen Sicherungssysteme durch die demografische Entwicklung vor große finanzielle und personelle Herausforderungen gestellt sind, werden sie auch in Zukunft an Solidarität und Gerechtigkeit auszurichten sein. Hierzu bedarf es eines Miteinanders der Generationen und einer gerechten Verteilung der finanziellen Belastungen. Dazu gehört zum Beispiel eine deutlichere Berücksichtigung des Beitrags, den Familien mit Erziehungs- und Pflegeleistungen erbringen.

Die Finanzierung der gesetzlichen Rente wird vor allem angesichts des ungünstigen Verhältnisses zwischen der steigenden Zahl der Rentenempfänger und der geringer werdenden Zahl an Beitragszahlern zunehmend schwierig. Vor diesem Hintergrund erfolgten verschiedene Reformen, die die demografische Entwicklung stärker berücksichtigen und durch stabile Beitragssätze eine übermäßige Belastung der Erwerbstätigen verhindern. Damit verbunden ist zwangsläufig eine Absenkung des Nettorentenniveaus, weshalb neben die Gesetzliche Rentenversicherung eine zweite, kapitalgedeckte Säule tritt. Allerdings ist diese nicht obligatorisch und beispielsweise bei geringen Rentenanwartschaften wegen ihrer Anrechnung auf die Grundsicherung im Alter oft nicht attraktiv.

Mehr Flexibilität beim Rentenalter und beim lebenslangen Lernen

Um eine zu starke Absenkung des Rentenniveaus zu vermeiden, wurden außerdem die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre notwendig. Doch muss alles dafür unternommen werden, dass diese Altersgrenze prinzipiell von allen Berufstätigen auch erreicht werden kann. Sonst würde die Rentenreform für viele infolge individueller Abschläge nur eine Rentenkürzung bedeuten. Dies wiegt besonders schwer für die unteren Einkommensgruppen, weil sie eher selten über andere Rücklagen verfügen und häufig besonders gesundheitsbelastende Tätigkeiten ausüben.

Doch Anpassungsmaßnahmen werden im Rentensystem weiterhin unvermeidlich sein. Deshalb muss über mehr Flexibilität in Bezug auf das Renteneintrittsalter und neue Formen biografisch angepasster Gestaltung des Arbeitslebens und der Arbeitsbelastung sowie über altersgerechte berufliche Aktivität ohne starre Altersgrenzen intensiv nachgedacht werden.

Die weiterhin zunehmenden beruflichen Flexibilisierungsanforderungen (sowohl mental als auch örtlich) verlangen eine stärker am Lebensverlauf der Beschäftigten orientierte Gestaltung der Arbeit. Gefordert ist zum einen die Möglichkeit zu mehr individueller Flexibilität der Arbeitszeiten in bestimmten Lebensphasen, zum Beispiel mit Rücksicht auf die familiäre Situation beziehungsweise das Alter des Erwerbstätigen. Zum anderen muss der Notwendigkeit einer mehrfachen Weiterqualifizierung bzw. Umschulung im Laufe eines Berufslebens verstärkt Rechnung getragen werden. Lebensbegleitende Bildungsmaßnahmen müssen deshalb als sozialstaatliche Aufgabe begriffen und aktiv öffentlich gefördert werden. Zu verlangen ist dabei auch eine stärkere Einbeziehung von bislang gering Qualifizierten, denn der Kampf gegen die Bildungsarmut ist zugleich ein wesentliches Mittel zur Überwindung von Armut generell.

Erziehungs- und Pflegezeiten bei der Rente berücksichtigen

Die Rentenreform 1957 war ein großer Erfolg, wurde doch die Rentenhöhe spürbar angehoben und das drängende Problem der Altersarmut überwunden. Gleichzeitig gelang es durch die Einführung der dynamischen Anpassung der Rentenhöhe an die Bruttolohnentwicklung, die wachsende Diskrepanz zwischen den im wirtschaftlichen Aufschwung stark steigenden Löhnen und den dahinter zurückbleibenden Renten aufzuheben. Auch wenn die Altersarmut heute nur begrenzt ein Problem darstellt, so droht sie doch in den nächsten 10 bis 15 Jahren in unsere Gesellschaft zurückzukehren. Denn es ist ein Anstieg des Anteils der Versicherten mit geringen Rentenansprüchen zu erwarten. Ursachen für diese geringeren Rentenanwartschaften sind einerseits die Absenkung des Rentenniveaus, andererseits aber auch veränderte Erwerbsbiografien und Erwerbsformen. So kommt es zu Erwerbsunterbrechungen, etwa durch Arbeitslosigkeit, aber auch durch Pflege- und Erziehungszeiten. Gleichzeitig ist die Zahl der Geringverdiener zu berücksichtigen, deren Einkommen schon während der Erwerbstätigkeit in nicht wenigen Fällen unzureichend ist. Doch im Alter bedarf es einer Absicherung für diejenigen, die ihr Leben lang mit niedrigem Einkommen gearbeitet und vorgesorgt haben. Wenn sie im Alter nicht besser dastehen als jene, die sich wenig oder gar nicht um ihre Alterssicherung gekümmert haben, verliert das Rentensystem seine gesellschaftliche Akzeptanz und seine sozialethische Begründung.

Neben der Anerkennung der monetären Beitragsleistungen zur Rentenversicherung ist eine weitergehende Anerkennung des generativen Beitrags zur Rentenversicherung erforderlich. In der umlagefinanzierten Rente ist eine angemessene Berücksichtigung generativer Beiträge in Form der Anerkennung von Kindererziehungszeiten unabdingbar. Das würde der zugrunde liegenden Vorstellung eines Drei-Generationen-Vertrages systemgemäß entsprechen. Dennoch fand die Anerkennung von Kindererziehungszeiten zunächst keinen Eingang in die Gesetzliche Rentenversicherung und auch spätere Reformen berücksichtigen familiale Leistungen nur unzureichend. Es ist gut, wenn die bestehende Ungleichbehandlung von Erziehungszeiten vor und nach 1992 nun endlich korrigiert wird. Auch ist zu prüfen, inwiefern Versorgungslücken durch Pflegezeiten in der Rente Berücksichtigung finden können.

Kommentare

Sehr geehrte Damen und Herren,

als aktiver evangelischer Christ, dreifacher Vater und Religionswissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt auf Religion & Demografie war ich sehr gespannt auf das Demografie-Kapitel der Sozialinitiative der Kirchen.

Bitte verzeihen Sie mir, dass ich hier aber meiner Enttäuschung, sogar meinem Entsetzen Ausdruck geben muss. Das gesamte Kapitel behandelt die Frage der Demografie ausschließlich unter ökonomischen Aspekten! Das geht in der Zusammenfassung los, nach der demographischer Wandel nichts anderes heiße, als "soziale Belastungen gerecht zu verteilen".

Konsequent kommen Kinder, Eltern, Großeltern, Gemeinden, Betreuungs- und Lehrkräfte, kirchliche Familienpastoral etc. hier nicht einmal eigenständig vor; Kinder tauchen nur indirekt als Subjekte von "Kindererziehungszeiten" auf! Der einzige Adressat ist der Staat, die Menschen, Kirchen und Religionsgemeinschaften werden weder erwähnt noch angesprochen.

Auch gibt es kein Wort dazu, dass z.B. gleich die ersten Worte und das erste Gebot des biblischen Gottes zu Familie aufrufen ("Seid fruchtbar und mehret euch!", Gen. 1,28), dass viele Religionsgemeinschaften besonders kinderreich sind und z.B. Old Order Amish oder orthodoxe Juden inmitten schrumpfender Gesellschaften wachsen.

Hier haben sich die Kirchen selbst unsichtbar gemacht - und, schlimmer noch, jene Menschen und Familien aus dem Blick verloren, die in den Kirchen lebensförderliche Begleiter sehen wollen und keine kalten Technokratien.

Als Christ und als Wissenschaftler bin ich betrübt und kann nur hoffen, dass diese Textfassung nicht das letzte Wort der Kirchen zu diesem so überaus wichtigen Thema ist.

Mit dennoch selbstverständlich herzlichen Grüßen

Michael Blume

Wer ständig über die Belastung der Jungen redet, sollte auch darüber nachdenken, was sie zur Sicherung der gerechten Renten beigetragen haben.
Drei Kinder braucht es, um einen Staat am Leben zu halten, habe ich mal gehört. Ich spreche nicht von den ungewollt Kinderlosen, wohl aber von denen, die Kind gegen Lebensstil aufgerechnet haben. Unsere Eltern haben soweit der Krieg nicht eingegriffen hat, mit ihrer Arbeit und ihren Kindern für mein Leben geschaffen, für unser Leben.
Ich glaube Demografie ist auch ein selbst verschuldetes Schicksal, mehr Mut zu Kindern kann mehr Geld in die Rentenkasse spülen. Sicher Kinder kosten Geld, reduzieren den Lebensstandard, aber das Glück, das sie auch bieten, sollte diese Einschränkung wettmachen.

Dass natürlich unsere Gesellschaft es nicht geschafft hat, unser Land - und unsere Gesellschaft - kinderfreundlich zu machen, ist allerdings auch noch wahr, könnte aber durch gemeinsame Anstrengungen geändert werden..

Wolfgang Klug

Pro Kind mit sozialversicherungspflichtiger Tätigkeit in der EU sollten Eltern einen ermäßigten Rentenbeitragssatz erhalten. Kinderlose sollten diese Ermäßigung für die Rentenabsicherung zusätzlich beitragen müssen, um ihren Teil des Generationenvertrages zu erfüllen.
Kinder sind unser aller Zukunft und es wird viel zu wenig auf ihren Einfluss in der Gesellschaft geachtet. Sie werden teilweise missbraucht und so gering geschätzt, dass man sie ihrer Kindheit beraubt. Die Gesellschaft trägt gerade in der Demokratie eine Mitverantwortung für die Entwicklung des kindlichen Potentials. Kinder sind Kinder für deren Ansprüche wir Erwachsene als Gemeinschaft eintreten müssen. Kinder und Behinderte haben in Europa kaum eine Stimme, das war zu meiner Kindheit anders, da hatte man das Gefühl wohl behütet und versorgt zu sein, obwohl man finanziell ärmer war als heute. Wenn ich im Vergleich dazu den Tierschutz und seine Entwicklung anschaue, dann frage ich mich manchmal wo der Mensch geblieben ist.
Ich wünsche mir eigentlich nur ein offenes Ohr für die Bedürfnisse von Kindern und die Akzeptanz dafür, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, die unseren Ansprüchen genügen müssen, sondern eigenständige kleine Menschen, die sich auf uns Erwachsene verlassen können. Das Gute wird heute oft schon im Keim erstickt, durch den gesellschaftlichen Umgang damit.

Gibt es die Möglichkeit der Umsetzung eines derartigen Vorschlags für eine Rentenreform?

Bevor ein solches Sozialwort in die Öffentlichkeit kommt, hätte ich den Autoren empfohlen, das kleine Buch SOZIALSTAATSDÄMMERUNG ( Riemann-Verlag München, 2013) von Dr. Jürgen Borchert, vorsitzender Richter des Darmstädter Landessozialgerichts, gründlich zu lesen. Er weist nämlich nach, dass trotz aller kirchlichen Sozialworte, sich seit 1965 die Zahl der Geburten auf heute 650 000 halbiert, aber die Zahl der Kinder in Armut versechzehnfacht hat. Oswald von Nell-Breuning, der Nestor der kath. Soziallehre, hat vor Jahrzehnten vor dieser Entwicklung gewarnt. Die Kirchen kümmern sich, s.o., zwar emsig darum, möglichst viele Menschen in den Erwerb zu bringen, auch für Hungerlöhne, anstatt die Struktur unseres familienfeindlichen Sozialgesetzes unter die Lupe zu nehmen.Wie kann es sein, dass ein Vater von 2 Kindern bei 30 000 € Jahreseinkommen jährlich mit 3 721 € unter das familiäre Existenzminimum rutscht, während ein Single bei gleichem Einkommen über 11 000 € zur freien Verfügung behält?( Deutscher Familienverband DFV) Ist da nicht was faul im Staate DEUTSCHLAND?

Ihr Sozialwort, meine Damen und Herren Bischöfe, hat außerordentliche Mängel! Zwar wollen Sie löblich unsere Marktwirtschaft sozialer gestaltet wissen, aber Sie registrieren nicht, dass auch die kinderlose Gesellschaft in die generative Pflicht genommen werden muss. Ja, ja, ein heißes Eisen! Aber ohne ausgleichende Gerechtigkeit werden wir weiter schrumpfen. Weshalb denn sollte ein junges Paar sich seinen mehrfachen Kinderwunsch erfüllen, wenn Familienarmut droht, während der Single sich aus der Verantwortung schleicht?

Kirchen leben von Kindern aus christlichen Familien. Hätte ich meine vier Kinder wenige Monate nach der Geburt in eine Krippe auslagern müssen, nur um finanziell irgendwie über die Runden zu kommen, ich hätte mich vorab sterilisieren lassen. Heute beleben meine Kinder ihre Gemeinden. Wozu Kinder, wenn sie mir ganztags fehlen? Ich brauche keine Kinder, wenn ich sie nicht selber erziehen darf! Auch dieses Kapitel kommt in Ihrem Sozialwort völlig zu kurz. Da wird geschwafelt von "Beziehungswohlstand"! Beziehung ohne Zeit für Beziehung bedeutet nämlich: keine Beziehung!

Arme Eltern, arme Kinder, ärmliche Beziehungen, karge Familien, aber - oho- wirtschaftliche Teilhabe!
Quo vadis Deutschland?

In der Industrie bekommen Mitarbeiter als "Belohnung" für gute Leistungen eine Aktie vom Unternehmer geschenkt...ich will an dieser Stelle gar nicht weiterdenken.

Ich glaube, dass die Kirchen ein ähnliches "Belohnungssystem" einführen wollen. Nicht umsonst werden aus "gemeinnützigen" karikativ-selbstlosen Einrichtungen plötzlich Aktiengesellschaften oder eine gGmbH = gemeinnützige GmbH = da lachen ja die Hühner, denn die Schnittstelle der gGmbH ist nun sowohl "gemeinnützig" als auch "profitorientert". So schleichen sich die Kirchen still und heimlich aus ihrer mitmenschlich-großherzigen-sozialen Verantwortung heraus.

Liebe Bischöfe!
Streichen Sie bitte das große kirchliche Wort "mildtätig".

Bedauerlich, dass beide christlichen Kirchen auf die Schimäre des demografischen Wandels hereinfallen und somit die unlautere Propaganda der Versicherungswirtschaft wie ein Naturgesetz (von Gott gegeben kann ich nicht schreiben - da weigert sich jede Faser meines Körpers) nehmen.
Ich verweise bei diesem Thema immer wieder gerne mal auf Prof. Gert Bosbach, der als Statistiker nachweist, dass der demografische Wandel des 20. Jahrhunderts erheblich dramtischer war, als der, der jetzt im Gange ist.
Demnach hätte z.B. unser Rentensystem schon vor Jahrzehnten wegen Unfinanzierbarkeit kollabieren müssen.
Warum dies nicht passiert ist, sagt er auch: Die Steigerung der Produktivität (die man verteilen kann!) schlägt die Demografie um Längen. Das Problem heute liegt also eher darin, dass die Produktiviät nicht mehr verteilt wird, sondern als Gewinn bei einigen Wenigen verbleibt. Dies ist der ökonomische Skandal, den man gar nicht scharf genug benennen kann!
Was vom demografischen Wandel bleibt, ist die Frage nach der Veränderung von Lebensqualitäten wie z.B. in der Pflege, wenn immer weniger junge Menschen immer mehr älteren gegenüber stehen. Hier braucht es in der Tat große Anstrengungen in der Frage: Wie wollen wir miteinander umgehen? In was für einer Gesellschaft wollen wir miteinander leben? Kann es sein, dass z.B. die Pflege weiterhin so unattraktiv bleibt und damit die langfristige Versorgung im Alter gefährdet wird. Was ich hier mit dem Stichwort Pflege skizziere, läßt sich für viele andere Bereiche ebenso fragen.
Welchen Wert wird uns derzeit beimessen, wird an dem Beispiel des Fachkräftemangels deutlich: Es gibt ihn (noch) nicht! Wirtschaften ist nichts anderes als der Umgang mit knappen Gütern. Sollten also Fachkräfte knapp sein, dann gebe es zunächst erhebliche Lohnsteigerungen, um diese Fachkräfte zu halten - die Lohnentwicklung in Deutschland zeigt aber seit gut 10 Jahren das Gegenteil: Die Löhne steigen unterhalb der Inflation, die Kaufkraft sinkt. Stattdessen werden Fachkräfte aus anderen Ländern geholt, die aufgrund wirtschafttlichen Drucks zu noch geringeren Löhnen bei uns arbeiten. Dies erinnert an das Verhalten vieler Fußballvereine: Anstatt junge Talente auszubilden, werden fertige Spieler geholt. So gehen eigene Talente verloren, schlimmer noch: Ihnen wird ihre Unbrauchbarkeit und Wertlosigkeit vermittelt, während andere Menschen zu schlechten Konditionen geholt werden, die man nicht willkommen heißt und die nach Möglichkeit den Wohlstand mehren, aber selber nicht teilhaben sollen.
Die beklagte Kostenseite ist ein Zerrbild in sich:
Verteilt man die Produktivität wieder (wie es übrigens mal war, wenn auch nicht für lange), hätten wir weiter auskömmliche Renten (und vermutlich ab 65 und nicht ab 67), würden wir in junge Menschen investieren, statt sie als Kosten zu sehen, so hielte ich unsere Gesellschaft für lebenswerter als sie sich derzeit darstellt. Auch bin ich der festen Meinung, dass dies eher dem Willen Gottes entspräche als die heutigen Kosten-Nutzen-Betrachtungen: Wenn Menschen nur Kosten sind, dann schaffe man alle Menschen ab - denn nur dann hätte man keine Kosten mehr!
In der Klarheit der Position ist mir als evangelischem Christ der Papst viel näher als das vorgelegte Papier, wenn er in "Evangelii Gaudium" "Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung" (Seite 36 ff.), und "Nein zur neuen Vergötterung des Geldes" (Seite 37 ff.) sagt. Nach meiner Meinung bietet Papst Franziskus in seiner Positionierung eine Substanz, die dem hier vorliegenden Papier leider abgeht oder aufgrund sprachlicher "Weichspülungen" nicht erkennbar wird.

Das Erfolgsmodell: Das VRmobil. Mit jedem Gewinnsparlos aus einer Volks- oder Raiffeisenbank wird diese VW-Up Aktion unterstützt. Denn jede teilnehmende Mitgliedsbank ermöglicht durch eine Spende aus den Mitteln des Gewinnspar-Reinertrages die Anschaffung eines oder mehrerer Fahrzeuge an ortsansässige soziale Dienste, Kirchengemeinden oder karitative Einrichtungen.

Das VRmobil trat vom ersten Tag an einen beispiellosen Siegeszug durch ganz Deutschland an. Mittlerweile sind bundesweit über 1.500 VRmobile im Dienste der guten Sache unterwegs.

Ich meine, was denken sich die kirchlichen Einrichtungen eigentlich, wenn sie sich für die nächsten drei Jahre die Leasingraten für einen VW-UP bezahlen lassen. Die Fahrzeuge, die die ambulanten Dienste vor die Türe gestellt bekommen, haben nicht mal eine Zentralverriegelung. Ich glaube, die Genossenschaftsbanken wissen nicht, dass Pflegekräfte im minutentakt arbeiten. Und nun sowas! Bis der Tankdeckel manuell abgeschlossen ist, die Beifahrertür und der Kofferraum, da sind ja bereits 10 Minuten verplempert.

Dafür wurde gleich eine Reparaturanleitung mitgeliefert, denn ab sofort kann man diese Fahrzeuge selber warten und instandhalten, Aus und Schluss mit dem neumodischen SchnickSchnack.

Ich meine, jetzt fahren wenigstens sämtliche kirchliche Mitarbeiter Werbung für die VR-Genossenschaftsbank.

Mich würde es nicht wundern, wenn auch die beiden Bischöfe mit dem VR-Mobil Werbung fahren.

Doch damit nicht genug! Jetzt fahren auch noch parallel dazu die evangelischen + katholischen Kinderkrippen mit dem VR-Mobil-Kinderbus durch die Stadt, ideal für kleine Babies bis zu 3 Jahren, Fassungsvermögen bis zu 10 Kleinkindern.

Das VRmobil ist mittlerweile fest im kirchlichen Bereich etabliert und aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken.

Neulich haben wir sogar einen VR-Bank-Defibrillator geschenkt bekommen. Oder zumindest die Anzahlung wurde geleistet. Toll! Weiter so!

Zu S. 38:
„Der demographische Wandel ermöglicht den Menschen nicht nur ein längeres Leben,...“
Hier werden Ursache und Wirkung verwechselt: Der demographische Wandel ist Folge, nicht Ursache eines längeren Lebens.
„Auch eine engagierte Familienpolitik wird die gegenwärtige demographische Entwicklung nicht kurzfristig umkehren können.“
Brauchen wir denn eine solche Umkehrung? Wenn ja: nur um „die umlagefinanzierten solidarischen Sicherungssysteme“ aufrechtzuerhalten?

Zu S. 40:
„Doch im Alter bedarf es einer Absicherung für diejenigen, die ihr Leben lang mit niedrigem Einkommen gearbeitet und vorgesorgt haben. Wenn sie im Alter nicht besser dastehen als jene, die sich wenig oder gar nicht um ihre Alterssicherung gekümmert haben, verliert das Rentensystem seine gesellschaftliche Akzeptanz und seine sozialethische Begründung.“
Das Rentensystem wird seine gesellschaftliche Akzeptanz ohnehin in dem Maße verlieren, wie seine Mängel deutlicher werden: der sogenannte Generationenvertrag, auf dem es beruht, ist angesichts des demographischen Wandels nicht mehr lange haltbar.
Die Generation der heutigen Rentner (zu denen auch ich gehöre) muß sich fragen, ob die Sicherung der eigenen Bedürfnisse Vorrang gegenüber der Sicherung der Bedürfnisse der nachfolgenden Generationen haben darf.
Die jetzige Bundesregierung hat in dieser Hinsicht die Weichen falsch gestellt und wird sie deshalb wohl in einigen Jahren wieder umstellen müssen. Die SPD betreibt hier eine ähnliche Klientelpolitik wie die, die sie der FDP stets vorgeworfen hat, nur daß die SPD ihre Klientel in den von Altersarmut bedrohten Rentnern sieht, von denen – im Gegensatz zu den nachfolgenden Generationen, die heute noch wahlunmündige Kinder sind – Wählerstimmen der Kurzdenker zu erwarten sind.
Diese heute noch wahlunmündigen Kinder haben keine Lobby, die ihre Interessen vertritt. Es stünde diesem Papier gut an, deren Interessen zu vertreten, auch wenn dies Verzicht für die jetzt wahlberechtigten Generationen bedeutet.

Herrn Dr. Baum ist uneingeschränkt zuzustimmen. Leider sind Rentner wie er selten, die diese kritische Einstellung zum Rentensystem haben. Kein Wunder - denn angesichts des wachsenden Wählerpotentials fördert Politik die Anspruchshaltung und stellt weiter ungedeckte Schecks aus (Rente mit 63). Hier hätte Kirche viel zu sagen - etwa zur Generationenfolge als Grundvoraussetzung gelingenden Lebens usw.; doch die "Sozialinitiative" scheut, den Finger in die Wunde zu legen, nämlich die eklatante Benachteiligung der durch Mütter und Väter geleisteten Sorge für die Zukunft der Gesellschaft. Daher bleiben alle Betrachtungen der Schrift zur Demographie symptomatisches Stückwerk.

Was Sie als "demographischen Wandel" bezeichnen ist die Propagandalyrik-Formel für eine vorhergesehene Nebenwirkung der systematischen Ausbeutung und Enteignung von Familien durch die Sozialversicherungssysteme.
Schändlich, dass sich die Kirchen hier - wieder einmal - selbst zum Claqueur der Politik degradieren, anstatt sich glaubenskonform und selbstbewusst an die Seite der Benachteiligten zu stellen.

Die evangelischen Landeskirchen distanzen sich sogar vom "Karfreitag". Was erwarten Sie von so einer Kirche?
In unserer großen Kreisstadt mit 80.000 Einwohner, wurde grade mal ein einziger Karfreitagsgottesdienst in einer einzigen evangelischen Kirche gefeiert. Und das, obwohl der "Karfreitag" der allerhöchste Feiertag von evangelischen "konfessionellen" Christen ist.

Ich kann nur eins sagen: Das ist schändlich!

Die Kirchen verschweigen die längst bekannten Ursachen der nun entstandenen demographischen Situation – nämlich die jahrelange systematische und eklatante Benachteiligung von Vätern und Müttern im deutschen Sozialsystem. Wer diese Ursachen verschweigt, kann auch nicht ursächlich und wirksam korrigieren.
Dabei ist die Verantwortung für Kinder als kostbarstes Gemeingut der gesamten Gesellschaft ein biblisches Kernthema, und konkrete heilsame Ansätze sind seit Jahrzehnten bekannt: etwa eine Kindergrundsicherung, die Würdigung der Erziehungsleistung durch ein Erziehungsgehalt, 7% Mehrwertsteuer auf kindbezogene Waren oder jedem Minderjährigen eine Stimme im Rahmen des Familienwahlrechts. Das Sozialwort schweigt dazu und äußert sich nur zu symptomatischen Anpassungen an die fatalen demographischen Folgen ignoranter Sozialpolitik. - Es ist grotesk, wenn man mit Finanzspekulation oder Waffenproduktion eine gut gesicherte Existenz führen kann – aber eine alleinerziehende, nicht erwerbstätige Mutter von zwei Kindern hingegen abhängig ist von auf Antrag und nach Prüfung gewährter HARTZ-IV-„Sozialleistung“. Wenn die beiden großen Kirchen in ihrer Sozialinitiative solche Zustände nicht scharf anprangern, sondern bestenfalls unverbindliche moralische Wünsche äußern, verraten sie wegen ihrer Nähe zur Macht christliche Kerninhalte wie die Sorge für nachfolgende Generationen, Sinnfindung im Leben usw.

Wenn der Hinweis engagierte Familien Politik bedeute, dass wieder mehr Kinder geboren werden, so wieder spreche ich dem. Um in dieser Welt gut und gerecht leben zu können darf es keinen Bevölkerungswachstum geben. Afrika und Asien werden in Hunger und Armut versinken, weil dort immer mehr Menschen leben.
Mit der Anrechnung von selbst erwirtschaften Rente auf die Staatliche Rente wird die Eigenverantwortlichkeit unterlaufen. Wer für sich selber sorgt, muss im System Anerkennung finden.
Wir werden immer länger Arbeiten müssen. Insofern ist, wie schreiben, die altersgerechte berufliche Aktivität zwingen notwendig. Und dazu gehört die lebensbegleitende Weiterbildung.
Wer ein Leben lang gearbeitet hat, egal wie hoch sein Beitrag zur Rentenversicherung ist muss mehr haben. Schon jetzt gibt es Kommentare in der Gesellschaft wie zum Beispiel: Warum soll ich für die Zukunft sparen, am Ende sind wir alle gleich. Sparen und Arbeiten muss sich lohnen!
Endlich ein Beitrag der auch klare Positionen vertritt.

Der Autor übersieht, dass "Nur"-Erwerbstätige durch ihre Sozialbeiträge sich lediglich an der Finanzierung der Renten ihrer Eltern beteiligen. Für die eigene Rente tun sie nichts, sondern lassen sich diese von den Kindern der Eltern bezahlen. Auch längere Erwerbstätigkeit ändert daran grundsätzlich nichts. Sie mindert nur den ungerechtfertigten Anspruch.

Wer keine Kinder erzieht, kann demnach in unserem Systen gar keine "selbst erwirtschaftete Rente" erhalten. In unserem System werden die eigenen Renten ausschließlich durch Kindererziehung "erwirtschaftet". Wer "nur" erwerbstätig ist, erwirtschaftet auch "nur" die Renten seiner /ihrer Eltern.

Gastbeiträge zu dieser These

16.02.2015
Beim sozialethischen Gespräch am 31. Januar 2015 in Frankfurt hat der Sozialethiker Franz Segbers drei Thesen zur Sozialinitiative und ihrer Resonanz aufgestellt. Diese Thesen und die Ausführungen von Franz Segbers sind hier dokumentiert.
Der "Trägerkreis Lankwitzer Friedensgespräche" in Lankwitz, einem Ortsteil des Bezirks Steglitz-Zehlendorf, hat sich zu jedem Abschnitt der Sozialinitiative Gedanken gemacht und Anmerkungen formuliert, die hier vollständig dokumentiert werden.
23.12.2014
Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des demographischen Wandels werden beträchtlich sein. Vor allem die Finanzierung der gesetzlichen Rente wird angesichts des ungünstigen Verhältnisses zwischen der steigenden Zahl der Rentenempfänger und der geringer werdenden Zahl an Beitragszahlern zunehmend schwierig werden. Auf die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die „umlagefinanzierten solidarischen Sicherungssysteme“ konzentriert sich auch die These 6 des gemeinsamen Papiers der evangelischen und katholischen Kirche: „Gemeinsame Verantwortung heißt, die mit dem demographischen Wandel einhergehenden sozialen Belastungen gerecht zu verteilen.“
07.11.2014
Der folgende Gastbeitrag behandelt speziell für das Thema Arbeitslosigkeit einige Mängel des Textes der Sozialinitiative der Kirchen vom 28. Februar 2014. Insbesondere wird nach Kritik am regierungs-offiziellen Wachstumsdogma für einen Abbau der Arbeitslosigkeit durch gerechtere Verteilung der Erwerbsarbeit plädiert. Schließlich wird gefordert, dass für die notwendige Verbesserung des Textes katholische Sozialverbände und Gewerkschaften mitarbeiten sollen, da reine Fachexperten die tatsächlichen sozialen Nöte nicht hautnah genug kennen. Eine entsprechende grundsätzliche Nachbearbeitung des Textes der Sozialinitiative ist zugleich eine wichtige und nicht so schnell wiederkehrende Chance für einen wirklichen Erfolg des bis 2015 geplanten Dialogprozesses.
Der Offene Treffpunkt "Wirtschafts-Ethik" der Katholischen Betriebsseelsorge Böblingen hat sich im April, Mai und Juni 2014 intensiv mit der so genannten "Sozialinitiative der evangelischen und katholischen Kirche" beschäftigt, nachdem wir uns zuvor mit dem Lehrschreiben "Evangelii gaudium" von Papst Franziskus ebenso intensiv befasst haben. Unsere Stellungnahme ist gegliedert in Rückmeldungen (1) zum Inhalt insgesamt, (2) zu Einzelfragen und (3) zum Gesamteindruck.
13.06.2014
Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines gemeinsamen Studientages der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, der Katholischen Betriebsseelsorge und der Katholischen Erwachsenenbildung im Erzbistums Bamberg am Freitag, den 16. Mai 2014, zusammen mit Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ im Bistumshaus St. Otto in Bamberg. Sie wurde zusammengestellt von Dr. Siegfried Ecker, Vorsitzender KAB Bildungswerk Bamberg.
Der Leserkreis Publik-Forum Berlin hat sich ausführlich mit der Sozialinitiative der beiden Kirchen befasst. Daraus sind einzelne Stellungnahmen entstanden. Dies ist der Beitrag von Jochen Göbel. Der Text ist außerdem von der Jahresversammlung des Aktionskreis Halle (60 Teilnehmer) auf der Huysburg bei Halberstadt am 5. April 2014 als "Erklärung des AKH zur Initiative des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung" verabschiedet worden.
02.06.2014
Bei einer Diskussionsveranstaltung am 22. Mai 2014 in der Matthäuskirche in Frankfurt am Main hat sich eine Reihe von kritischen Anfragen aus der Diskussion und dem Publikum ergeben. Eine Redaktionsgruppe aus den Besuchern hat die Rückfragen, Kommentare und Beiträge der Veranstaltung zu sieben "kritische Anfragen" zusammengefasst.
23.04.2014
Der Familienbund der Katholiken unterstützt in seiner Stellungnahme ausdrücklich das Anliegen des Impulstextes für eine deutlichere Berücksichtigung des Beitrags, den Familien mit Erziehungs- und Pflegeleistungen erbringen. Allerdings muss dem ein erheblich größeres Gewicht als bislang eingeräumt werden.
23.04.2014
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, fordert die Ergänzung der Sozialinitiative um zwei wichtige Punkte: 1. die Förderung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit unserer Volkswirtschaft zur Erwirtschaftung der Ressourcen für den sozialen Ausgleich und 2. die Wertschätzung und Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements im Sinne des Subsidiaritätsprinzips.
24.03.2014
Gerhard Endres, Vorsitzender des KAB-Bildungswerks München und Freising, kommentiert die 10 Thesen der ökumenischen Sozialinitiative mit eigenen Ideen zur konkreten Umsetzung.
14.03.2014
Der Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV) begrüßt die Ökumenische Sozialinitiative der Kirchen, mahnt aber eine stärkere Akzentuierung des Subsidiaritätsprinzip an.